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Jeschurun · 1887-08-04 · Heft 31 (4.8.1887) · p. 482

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 31 (4.8.1887)
Article
Die Versammlung zu Breslau am 5. und 6. Juli
Date
1887-08-04
Page
482 (sequence 2)
Language
German
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482 Lügner und Sünder. So lange aber Wahn und Fehl, Unwahrheit und Vergehen alö solche erkannt und benannt wurden, war keine Gefahr vorhanden, daß das Bewußtsein der Wahrheit in ganzen Kreisen verloren gehen könnte. Daß cs aber in der heutigen Iudcnhcit leider ganze Kreise gicbt, welchen dieses Bewußtsein entschwunden ist, das ist das Werk der Männer, die, mit dem Lehramte der Religion bekleidet, ihres verantwortlichen hohen Berufes vergaßen oder denselben in sträflichem Vorbedacht mißbrauchten, um der Leichtfertigfeit und dem Irrwahn, der Lüge und der Sünde das Gewand des Ernstes, der Wahrheit und der Tugend zu verleihen. Sie gaben die furchtbare Parole von einem Ausgleiche der Lehre mit der Praxis aus und tödtetcn die Wahrheit und errichteten in dem Tempel der Religion der Apostasie Altäre und verkündeten die Lüge und predigten den Abfall als göttlichc Wahrheit und treue Neligionsersüllung. Das nannten sie, um mit Herrn D1\ Joel zu sprechen, ״freiere Auffassung der rituellen und zeremoniellen Bräuche und Ucbungen." Wahrlich, auf das für diese Männer in Anspruch genommene Martyrium paßt das alte Wort der Forderung des Pineas-LohneS für die Simri--That' Dieses Martyrium besteht einfach in der geringen Achtung, welche den Herren Ncsormgeistlichcn gezollt wird und in der allerdings sehr gerechtfertigten Furcht, daß man sie vielleicht als einen überflüssigen und darum zu kostspieligen Faktor im Gemcindcbudget betrachten könnte. Daß sie auf Hochachtung bei den gcsctzcstrcucn Laien, welche in ihnen die Träger des Abfalls von! Gesetze, die ״Zerstörer", wie Herr D1\ Joöl sagt, erblicken, nicht zu zählen haben, darüber haben sie sich wohl niemals einem Zweifel hingegcbcn. Sic glaubten sich aber geborgen in der Gunst der Aufgeklärten und Gebildeten, wie sich bis vor einigen Dezennien — und in manchen Gegenden auch heute noch — alle Die- )eiligen fühlten, die das Meisterstück der Aufklärung und Bildung fertig brachten, am Sabbath eine Zigarre zn rauchen und im Bürcau und Kontor thätig zu sein oder vom jüdischen Gesetze verpönte Tafclfrcudcn zn genießen. Darum thut ihnen der Mangel an Achtung oder die ״Anfeindung" jener ״Leute", ״welche die Berechtigung des Reuen nicht verstehen", d. h. welche so naiv sind, im Gegensätze zu ihnen, die Gebote Gottes ernst zu nehmen -und sich zum Gehorsam gegen dieselben verpflichtet fühlen, nicht so weh, wie die ״schmerzliche Erfahrung", ״daß oft unsere intelligentesten Männer, ans die wir stolz sein können wegen ihrer Leistungen, sich weder liebend noch hassend, sondern, was viel schlimmer ist, gleichgültig gegen die eigene Religion verhalten," wie Herr Di׳. Joöl klagt. Ach, verehrte Herren! Die Rabbiner haben so gründlich rcformirt und ihren eigenen Unglauben so eindringlich gepredigt, daß unter ihrem Einflüsse bereits ein ganzes Geschlecht herangewachscn ist, welches von dem eigentlichen Indenthum gar keine Ahnung hat. Die pastoralklngen Herren, welche vor mchrcreu Jahrzehnten dieses Resultat einer rabbinatlichen Wirksamkeit als das crstrcbcttswerthcstc Ideal betrachteten, weil ihnen die alte gewissenhafte Treue der Gemeinden zu unbequem war, um von der lästigen Fessel der Gesetzescrfüllnng befreit, ein müheloses, sorgenfreies Dasein auf Kosten der Gemeinden führen zu können, haben sich doch in Etwas verrechnet. Sic vergaßen, daß ein in Unkenntniß und Abfall erstandenes Geschlecht ihrer Phrasen von Religion, Anfklärung, geläuterter Gottes- Verehrung 11. der gl. 111. herzlich müde werden könnte. Sie vergaßen, daß die ihnen von Seiten der alten Gesetzesverächtcr scheinbar gezollte Achtung nur eine sehr problematische Basis für ihre Stellung in der Gemeinde bilden konnte. Diese älteren Gesetzesverächtcr bedienten sich zwar gern der Autorität, auf welche das Rabbineramt ehedem sicher rechnen konnte, um ihren Abfall und ihren gesetzwidrigen Lcbeuswandcl vor den treu gebliebenen Gemciudegenossen zn beschönigen. Achtling, wirkliche Hochachtung, aber zollten sie den willfährigen ״Priestern", die die Religion nach ihrer Bequemlichkeit ninniodelten, keineswegs. Und nachdem ihnen, den Abgefallencn, die Führerschaft in den Gemeindcn;!!gefallen war, Dank der Wirksamkeit jener Rabbiner, Prediger und Lehrer, die ״für eine freiere Auffassung der rituellen und zeremoniellen Brauche n:׳.d Hebungen" Propoganda machten, da schoben sic die Herren Rabbiner, Prediger und Lehrer bei Seite und machten sich zu unumschränkten Meistern nicht nur der administrativen, sondern auch der religiösen Gemciiidcangclcgciihcitcii. ״Wir besolden den Geistlichcn", oder ״der Geistliche hat sich nach der in der Gemeinde herrschenden Anschauung zu richten" — so lautete cs von dem knrnl'schen Stuhl hochmögcndcr Vorstände, falls der ״Seelsorger" der Gemeinde in ״reaktionärer" Anwandlung sich den oft fruchtbaren, oft auch furchtbaren, Launen der Gcincindcthraiincn nicht sofort fügen wollte. In dem Kreise der Gemeinde aber spielte der Rabbiner sehr bald 'eine höchst nebensächliche Nolle. Was hätten auch die Gemeindemitglieder mit ihm zn thnn? Eine rcligionsgcsetzlichc Entscheidung von ihm zn verlangen? Seitdem ״einer freieren Ansfassung der rituellen und zercinoniellen Bräuche und Hebungen" gehuldigt wird, kommt kein Mann und keine Frau in die Lage, die rabbinatlichc Autorität anzurufm. Jeder weiß selbst am Besten was ihm frommt, und daS ״Paßkencn" ist gänzlich vergessen, da es keine ״Schaaloth" giebt.

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