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Jeschurun · 1887-08-04 · Heft 31 (4.8.1887) · p. 483

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 31 (4.8.1887)
Article
Die Versammlung zu Breslau am 5. und 6. Juli
Date
1887-08-04
Page
483 (sequence 3)
Language
German
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483 Man sucht wohl hin und wieder einmal den Tempel auf. Die schöne Zeit aber, in welcher die alten Gesetzes- Verächter für Tcmpclrcforin und Tcmpetmnsik schwärmlen, ist längst dahin. Das junge Geschlecht hat daran kaum noch Gefallen und findet das ganze Tempelgcpränge, die Predigt des Herrn Geistlichen inbegriffen, höchst langweilig. Es glaubt, der Religion schon ein übergroßes Opfer zu bringen, wenn cs sich im Jahre ein paar Stunden dieser Pönitcn; unterzieht. Da die kirchliche Trauung in besseren Kreisen geschätzt wird und man bei Leichenbegängnissen der Assistenz des Geistlichcu nicht entbehren will, so erblickt mau auch in dem Rabbiner gern den Ehe׳ und Leichen- Einscgner. Man wohnt aber nicht alle Tage einer Hochzeit oder einem Leichenbegängnisse bei. Der Rabbincr ist deshalb eine für das gewöhnliche Leben kaum in Betracht kommende Potenz. Daran hatten die Herren von der Reform vor vierzig und fünfzig Jahren nicht gedacht. Sic stehen nun fast ganz abseits und klagen deshalb über Gleichgültigkeit gegen die Religion. Ach. ihr habet diese Gleichgültigkeit gepflegt, und euer »,Martyrium" besteht darin, daß man euch nur wenig beachtet. Hcre Dr. Joül hat recht; die von ihm ins Auge gefaßten Männer und Frauen bezeigen der Religion weder Liebe noch Haß, sondern sind völlig gleichgültig gegen die Religion. Eine den höchsten jüdischen Gcsellschastskreiscn angchörende Dame, welche ehedem eine begeisterte Verehrerin des aufgeklärten Rabbiners gewesen, der, einer der ersten und bedeutendsten Reformrabbincr, ihre Gemeinde schon sehr früh mit dem vollen Segen eines geläuterten TcmpcldicnstcS mit Orgel re. beglückt hat, sprach mir kürzlich von der ״Schwärmerei ihrer Jugendzeit". ״Ich war damals eine fleißige Tcmpelbcsucherin; eine versäumte Predigt düuchte mir ein wirklicher Verlust. Ick intcrcsirlc mich damals für theologische Fragen. Die Verhandlungen der Braun׳ schweizer Nabbincrversammlungcn habe ich eifrig sludirt. Heule begreife ich kann: jenes Interesse. Ich besuche schon seit mehr als fünfundzwanzig Jahren den Tempel nur noch am Neujahr- und Versöhnungstag. Nun, etwas Religion bewahrt man sich doch noch immer." — ״Ich will cs Ihnen sagen," fügte der greise Gatte ergänzend lächelnd hinzu. ״Meine Frau hatte damals noch gewisse Skrupeln wegen unserer freieren Lcbensgcwohnheitcn, welche sich erst bcschwigtigtcn, als unser Herr Rabbiner die Berechtigung der ״freieren Auffassung der rituellen und zeremoniellen Bräuche und Uebungcn" aussprach. Jetzt aber hat sie keine solche Gcwissensbcklemmungcn mehr und bedarf deshalb nicht mehr des geistlichen Zuspruchs." Der joviale Herr ist cm alter Epikuräcr und fügte noch manches Wort über das Wesen der Reformrabbincr hinzu. ״Ich habe damals den Rcsormschwindcl als Gemeindevorsteher mitgemacht," schloß er, ״aus Rücksicht für meine Frau und ähnliche Naturen, die nun einmal ohne Religion nicht leben können: ich habe im Grunde genommen gar keine Religion. Wenn ich aber offen meine Meinung über die Rabbiner sagen soll, so flößen mir die alten frommen Rabbiner meiner Kindheit Achtung ein, für die neuen aber habe ich ein solches Gefühl nie gehegt." Ich erinnere mich auch einer Unterhaltung mit einem der Kollegen des Herrn Dr. Joül, welcher einem großen Bezirke als Rabbiner Vorsicht. Derselbe seufzte über den geringen ihm auf seine Gcmcindcmitglieder zustehenden Einfluß und pries die alten Rabbiner glücklich, welche sich für die an ihre Gemeindemitglicdcr zu stellenden Ansprüche stets auf den Schulchan-Arnch mit Erfolg berufen konnten. Das ist in Wahrheit das ״Martyrium" der Herren Rabbiner, welchem Herr Dr. 30<"I Ausdruck verlieh. Die Einsichtigeren unter ihnen sind sich nicht nur ihrer Ohnmacht vollkommen bewußt, sondern aurfj der totalen iimcrn Haltlosigkeit ihrer Stellung. Es ist ihnen doch zum Bewußtsein gelangt, daß sie nur ein Spiel mit Phrasen treiben, denen jeder wesenhafte Kern ermangelt, und den Bessern unter ihnen mag in Wirklichkeit ihr Amt zum Ueberdrnß und zur Bürde sein, deren sie sich gern entledigen würden, wenn sich ihnen nur ein anderer Beruf darbictcn möchte. (Fortsetzung folgt.) Die lmirjtc 5:1>lt!u!!!!1!it1ftrl1l1!tk im Aül'MstM '!lall). (Fortsetzung.) Unmittelbar nach Herrn Kctlcrsberger war Redaktcur Jäger eingeschrieben. Derselbe sprach: Herr Präsident, meine Herren! Daß zwei Vertretcr dcS Kreises Baden in dieser Sache das Wort ergreifen, mag Ihnen erklärlich erscheinen, weil nicht unwesentliche materielle Interessen der Stadt und deS Kurortes Baden mit derselben Zusammenhängen. Ganz abgesehen aber auch von dieser Seite der Angelegenheit, macht cs die Schroffheit, mit welcher Herr Kollege Jenny über gewisse Verhältnisse sprach, die man in der parlamentarischen Debatte möglichst vermeiden oder zum Mindesten schonen soll, zur Pflicht, berichtigend und widerlegend gegen die meisten, seiner Argumente vorzugehen. Du. Ehrmann ist strenggläubiger Jude und als solcher von der providenzicllen Mission seines Bekennt» nisses überzeugt. Wenn er in dieser Ueberzcugung 2975

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