Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1887)
- Article
- Wahrheit und Frieden
- Date
- 1887-07-21
- Page
- 450 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2932754-2932755-2932784-2935946--25514-2936000- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
450 Aufforderung zur Selbsterkenntuiß und Selbstläuterung zum lebendigsten Bewußtsein zu bringen haben. Auch für die Frage, welche die leichtlebigen Söhne der Gegenwart gestellt: warum noch für uns' die Trauer um Jerusalems und ZiouS Fall, für uns, die wir ja in glücklichen Verhältnissen leben und in der endlich gewährten politischen׳ Gleichstellung an das Endziel unserer eigenthümlichen Geschichte gelangt sind? ist die Antwort längst gegeben. Diese Antwort lautet freilich anders als sie von Seiten der Fragesteller selbst vor der Frage längst erledigt war. Sie hatten niemals eine Thräne für Jerusalem und Zion, und jene Frage war eigentlich mehr ein Vorwurf gegen die ernsteren Brüder, die noch intmcr den 17. Thamus und den 9. Aw und die zwischen beiden liegenden drei Wochen als Trauertage und eine Zeit der Einkehr fastend und in ernster Betrachtung begehen. - Diese Antwort lautet auch anders, als sie von Seiten Derjenigen gegeben wird, denen der wieder energischer auftretendc Haß unserer nichtjüdischcn Brüder die fast schon bei ihnen in Vergessenheit gerathene Thatsachc, daß sie dem ״ בית יעקבdem Jalobshause" an gehören, in Erinnerung gebracht hat. Der auch gegen sic, die sich von dem ihnen lästig gewordenen Gesetze bereits praktisch losgcsagt, sich wendende Haß hat sie stutzig gemacht. Trotz der erlangten Emanzipation, trotz der erworbenen Bildung, trotz der Lossagung von dem Gesetze, dennoch als Jude gehaßt und gemieden zu werden, das ries das schlummernde Bewußtsciu in ihnen wach, daß sie doch Juden seien, daß sie dem ״Hause Jakobs" angehören, das dem Fußtritt des gewaltigeren Bruders ausgesetzt ist, das in seiner Schwäche aus die Großmuth des Mächtigeren angewiesen ist. Ihr Selbstgefühl erwachte. Ihr haßt uns als Nasse; wir sind stolz auf unsere Abstammung. Edles Blut rollt in unseren Adern. Wir sind Israel, das alte Kulturvolk. Das Land unserer Urheimat!) liegt freilich verödet, und wir haben seiner vergessen. Da wir aber auf Abweisung stoßen, wo wir An- Näherung zu finden gehofft, so wenden wir dieser unserer Urheüuath unsere Neigung zu und schwelgen in der Erinnerung an deren ehemaligen Glanz und entsenden dorthin die ärmsten und unglücklichsten unserer Staulmcsgenossen, während wir bei Tanz, Gesang und Becherklang in - schwunghaften Worten Israel und Jerusalem hochlcben lassen. Die Antwort, welche Gott auf diese Frage längst ertheilt hat, lautet anders. Die babylonische Weltherrschaft, welcher der jüdische Staat und der Zionötempel zum Opfer gefallen, war von dem Perserkönige vernichtet worden. CyruS und DariuS, die Könige Persiens, wendeten sich aber.den jüdischen Exulanten in Wohlwollen zu und. gestatteten deren Rückkehr nach dem heiligen Lande und den Wiederaufbau der Stadt Jerusalem und des Tempels. Sie selbst spendeten dazu in reichlichem Maße, und sie beschützten die Juden gegen ihre Feinde und verliehen ihnen Freiheit und eine gewisse Selbstständigkeit..-׳ Im Hinblicke auf diese den Juden gewährte glückliche Lage und auf das neu erstandene Heiligthüm'äuf Zion hatten die in Babel zurückgebliebenen Angesehenen und Vornehmen die Ausrage gerichtet: ״Soll ich noch weinen im fünften Monat und mich kasteien, wie ich solches seit vielen Jahren gethan?" Da erging die Antwort GottcS durch den Propheten Sccharjah: ״Sprich zu allem Volk deö Landes und zu den Priestern: wenn ihr euch kasteiet und trauert im fünften und siebten Monat seit siebzig Jahren, kasteiet ihr damit mich? — wenn ihr esset und trinket, seid ihr da nicht die Essenden und Trinkenden? Sind cö nicht vielmehr die Worte, die Gott durch die früheren Propheten schon damals verkünden ließ, da Jerusalem in ungestörter Sicherheit weilte, fanimfc den sie umgebenden Städten, und auch das Süd- und Tiefland in Ruhe bewohnt waren?-Sic aber wciger> ten sich zu gehorchen, wandten widerspenstig den Rücken, verstockten das Ohr, um nicht zu hören, verhärteten das Herz und hörten nicht auf die Lehre und die Worte, die Gott mit seinem Geiste durch die früheren Propheten gesendet — und darum ward das große Zürnen GottcS. Wie Er rief und sie nicht hörten, so können auch sie rnjen und Ich höre nicht, spricht Gott. Ich würde sie daun im Sturme zerstieben unter alle Völker, die sie nicht kennen, und das Land bliebe hinter ihnen öde, von Niemandem besucht — so hätten sie das köstlichste Land zur Einöde gemacht!" So lautet die Antwort Gottes auf diese Frage, und sie ward durch das fernere GottcSwort noch erläutert: ״Ich wende mich dereinst wieder Zion zu und lasse meine Herrlichkeit -in Jerusalem weilen, daß Jerusalem die Stadt der Wahrheit und der Gottesberg Berg des Heiligthums genannt wird. Also hat Gott gesprochen: Es sollen dereinst wieder in Jerusalems Straßen Greise und Greisinnen sitzen, jeder seinen Stab in der Hand vor Alter, und die Straßen der Stadt voll sein von Knaben und Mädchen, spielend auf den freien eigenen Straßen.-Ich rette Meiw Volk aus dem Lande des Ostens und dem Lande des Westens und bringe sie heim, daß sie in Jerusalems Mitte wohnen. Sie sollen Mein Volk und Ich ihm Gott sein in Wahrheit und Gerechtigkeit. --7- Der Fasttag des vierten, der Fasttag des fünften, der Fasttag des siebten, der Fasttag des zehnten Monats wird dann dem Haufe Jehuda zur Wonne und Freude