Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1887)
- Article
- Der Brand der Judenhäuser in Duna-Szerdahely
- Date
- 1887-06-30
- Page
- 402 (sequence 2)
- Language
- German
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402 Mühen des Gemeinwesens belastet wird, zu fahrenden Nomaden machen, die nirgends zu Hause sind, heute ihr Zelt hier ausschlagen dürfen und morgen weggewiesen werden. Der elegante Philosoph spielt mit diesem Worte selbstverständlich ganz unbewußt und ahnt gar nicht, daß er auf der Heerstraße, die fleißige Menschen betreten, um ihrem Erwerbe nachzugchcn, kleine Bomben ausgcstreut hat. 'Diese Sorte von Deukern ist ja allen niedrigen materiellen Zielen abgewendet und heute noch so weltverloren wie der große Immanuel Kant, der statt des Salzes den Inhalt seiner Schnupftabackdose in die Suppe streute. Wer denkt an die Agitation und wer kann dafür, wenn dem Gastvolke durch ein Mißverständnis der rothe Hahn aufs Dach gesetzt wird? Was ist natürlicher, als sich eines Gastes zu entledigen, der im Wege steht? Eine solche Theorie muß mit zwingender Nothwendigkcit zu Brand und Todtschlag führen, wie auch die Lehren BakuninS, Stellmacher und LicSke hervorgcbracht haben. Man erkläre den Massen, welche durch die sozialistischen Instinkte ausgewühlt sind, daß eine Rasse im Staate angesicdclt sei, deren einziger Schutz eine thörkchte Verirrung der Humanität ist, die keine andere Stütze hat, als eine unsinnige Großmuth, und man wird die Zügel der Gesetzlichkeit zerreißen, die Plünderung und selbst den Mord entfesseln. Der Antisemitismus müht sich aber selten ab mit solchen schillernden Systemen, sondern sagt geradezu, was er will. Wie oft haben wir im NeichSrathe den Satz vernommen: Die Inden haben die soziale Frage geschaffen und an ihren Leibern wird sie zur Austragung kowmen. Herr Drunront fordert sogar das Militär zur Meuterei aus und ersehnt den Tag, wo ein muthiger Offiziersich au die Spitze eines Regiments stellen werde, um alle jüdischen Banken zu vkkupircn. Alles, meint er, wäre noch vor Sonnen- Untergang vollendet, und bei der Nachricht von dieser That würden sich die Menschen in den Straßen jubelnd umarmen. In einer Versammlung, die in Wien abgehalten wurde, sprach ein Redner von einer bevorstehenden sizilianischcn LeSper, und wenn Männer, denen nicht jede geistige Heranbildung fehlt, so reden, wie kann man sich darüber wundem, daß einzelne Vewohncr von Dnna-Szerdahcly die Häuser anzünden, rauben und stehlen. Auf dem Marktplatze kniet der Abgeordnete und schwört auf eine Fahne, er werde alle Juden vernichten. Der Fanatismus der Menge wird aufs Höchste entflammt, das Gefühl für Recht ist durch die verbrecherische Agitation längst untergraben worden, Habsucht, die Dünste des Weines, alle niedrigen Neigungen der menschlichen Natur lödten die moralische Widerstandskraft, und nun wird der Versuch unternommen, die Gäste zn verjagen, die soziale Frage aus den Leibern der Juden zur Austragung zu bringen, eine sizilianische Vesper zu veranstalten, sich der fremden Güter zu bemächtigen. In Duna-Szcrdahely ist nur geschehen, was Drumont für Paris wünschte, und zwischen dem Antisemitismus und dem Verbrechen ist nur eine dünne Wand, welche der Pöbel leicht durchbricht. Die Führer affektiren, daß sie stets nur in den höchsten Sphären dcr Erkenntniß weilen, sie sind Millionäre, welche in stolzen Schlössern wohnen, Profcssoren, die aus öffentlichen Mitteln erhalten werden. Alle diese Herren leben in der friedlichsten Behaglichteil, fern von der Gefahr, während die Verführten, die nichts waren als das Werkzeug fremden Wollens, dem Elend anheimsallen und ihren Wahn im Gesangnisse büßen. Die sittlichen Urheber der traurigen Katastrophe sind aber die rücksichtslosen Egoisten, welche in dem Drange, eine öffentliche Rolle zu spielen, und in dem peinigenden Bewußtsein der mangelnden Begabung, die Flammen deö Hasses und des Neides schüren, um die Leidenschaft dcr Menge als Instrument für ihre nichtigen Persönlichkeiten zn nützen. Welch ein Erfolg des Antisemitismus! Eine Stadt brennt, arme Frauen irren wie sinnlos uinher, Säuglinge müssen aus der Wiege gerissen werden, um sie vom Flammentode zu retten, Wohlhabenheit wird über Nacht zur Dürftigkeit, rauchende Balken zeigen die Stätte dcr Verwüstung. Das ist das Bild deö praktischen Rassenhasses. Die Gefahr, welche durch diese Bewegung entsteht, ist sehr ernst geworden, weit ein Thcil der katholischen Seelsorger sich ihr augcschlosseu hat. August von Tresort war geuöthigt, diese Anklage öffentlich zn erheben, und so hoch auch der Primas von Ungarn stehen nlag, wird er doch gcnöthigt sein, sich Angesichts einer solchen Beschuldigung zn rechtfertigen. ES ist unbegreiflich, daß Priester, welche berufen sind, daS Wort dcS Erlösers, der seine Apostel zu allen Völkern entboten hat, zu verkünden, Bundesgenossen von Männern sein sollen, deren politische llcbcrzcugnug in dcr haßlichcn Vignette auSgcdrückt ist: WaS der Mensch glaubt, ist einerlei, in dcr Nasse liegt — doch wer wird solche Unfläthigkeiten ^wiederholen? Die katholische Kirche hat durch die nationnle Idee so viel gelitten, daß cS Verblendung wäre, wenn sie die Ausschreitungen dcS NasscndünkelS unterstützen würde. In dem Momente, wo die Einheit und Gemeinsamkeit deö Sprache, die gleiche Wurzel der Abstammung zum revolutionären Prinzip wurden, welches Staaten bildete, erhielt Deutschlaud eine protestantische Vormacht, wurde Oesterreich ans der Lombardei verdrängt, wurden die Throne der kleinen Souveräne in Italien zerschmettert, war die weltliche Herrschaft, des Papstes verloren. Missionäre ziehen an den Kongo,, in das Reich der Sonne, und