Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1887)
- Article
- Die Gesellschaft zur Beförderung des Christenthums unter den Juden
- Date
- 1887-06-16
- Page
- 370 (sequence 2)
- Language
- German
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370 beim ($ott fein Volk verstoßen?" mit beit Worten zurück: ״Das sei ferne! Denn ich bin auch ein Israclitcr, von dem Samen Abrahams, aus dem Geschlechte Benjamin." Er führt außerdem viele Stellen auö den Propheten an, in welchen baS israelitische Volk vor Sünde gewarnt und zur Rückkehr zu Gott und zur Befolgung seines Gesetzes ermahnt wird. Wie aus diesem Nömerbriefe des Paulus eine ״Gesellschaft" von ״Hcidcnchrislcn", wie der Berichterstatter, Pastor Knak aus Berlin, die nicht als Juden geborenen Christen bezeichnet, die Pflicht und die.Berechtigung für die Bekehrung der Inden zum Christenthum ableiten will, das erscheint uns unbegreiflich. Und ebenso unbegreiflich dünkt eS unö, wie der Festredner aus Ezechiel 33, 10. 11. den Juden die Annahme des EhristenthumS predigen will. Wir hören hier nur daö Gotteswort, welches also lautet: ״Sprich zum Hanse Israel: wohl saget ihr, unsere Sünden und Verirrungen lasten auf uns, wir vergehen durch sie — wie können wir leben? — Sage ihnen: so wahr Ich lebe, spricht Gott der Herr, Ich will nicht den Tod des Sünders, sondern daß der Frevler umkehre von seinem Wandel und lebe —, kehret um, kehret um von euren bösen Wegen, warum wollet ihr sterben, HanS Israel?" Und wir sehen hier nur die unendliche göttliche Gnade und Liebe, welche in jedem Augenblicke bereit ist zu verzeihen, die der Neue und Rückkehr selbst des רטע, des mit Bewußtsein das Schlechte Uebenden, harret, um sich an ihm in der Sühne, der Aushebung der Folgen der Sünde für die Zukunft des Sünders und dessen sittlichen Wiedergeburt bewähren. Wir sehen hier nur die Verkündigung der jüdischen Lehre von der Sündenvergebung, die keines Mittlers bedarf, die den sündigen Menschen in die Arme seines verzeihenden, alle Folgen der Schuld tilgeuden Vaters geleiten will, so er nur zurückkehrt von seiner Sünde und Recht und Pflicht übt: ״das zu Uurecht zurückgchaltene Pfand zurückgicbt, den Oiaub ersetzt, in den Satzungen des Lebens wandelt, nimmer ein Unreecht wieder zu üben — der lebt und stirbt niecht; aller Sünden, die er begangen, sollen daun nicht gedacht werden, "Recht und Pflicht übt er — er lebet!" (Das. V. 15 und 10.) Hier ist aber nicht die leiseste Spur zu finden, welche die Juden veranlassen könnte, einen anderen Weg zur Erlangung der Sündenvergebung zu wandeln, als in dem Iudcuthuin vorgczeichnct ist: aufrichtige Rückkehr zu Gott und der von Ihm gebotenen Pflicht; Wiedergutmachung dessen, worin gegen den Nebenmenschcn gefehlt worden ist, und zukünftiger, Gott wohlgefälliger Lebenswandel. Nichts von einem Glauben, welchen der Festredner hier vorgcschrieben sehen will, der die Sündenvergebung bewirken und das ewige Heil bedingen soll an ein göttliches Wesen, das ״sein Leben für das ihre eingesetzt", nichts von einem ״NeligionS- Wechsel", oder, wie der Festredner cö nentn, ״durch die Taufe eiugehüllt werden in das Leben, daö den Tod verschlungen hat in den Sieg". Ebenso wenig wie in dem Paulinischen Nömerbriefe die Berechtigung und Verpflichtung der Gesellschaft zur Bekehrung der Juden zum Christcnthum zu finden ist, ebenso wenig läßt sich aus Ezechiel die Verpflichtung der Juden zur Annähme der Taufe eines Glaubens hcrausdeuten, durch welche allein die Vergebung der Sünde und das ewige Heil zu erlangen wäre. Die ״Gesellschaft" ist übrigens auch in einem Irrthnm über daö Seelenleben der Juden, wenn sic den Worten ihres Festredners darin zustimmt, ״daß die meisten Juden in ihrer Religionslosigkeit von einem Snndcnbewußtsciu nichts mehr haben". Der Jude richtet täglich drei Mal in seinem Gebete die Bitte zu Gott: ״Vergieb uns, o Vater, wir haben gefehlt — verzeih uns, 0 König, wir haben gesündigt — Du bist es ja, der vergiebt und verzeiht," -- da sollte das Bewußtsein der verfehlten Pflicht in der Seele des Juden nicht vorhanden sein, da sollte der Jude nicht wissen, daß Gott, der alltiebeude Vater und allmächtige Gebieter, nicht Vergebung gewährt, so der Mensch in ansrichtiger Rene und mit dem festen Cutsehlussc einer getreuen Pflichterfüllung zu ihm sich wendet? Wenn der Berichterstatter, Pastor Knak, von dem ״Talmud-Unglauben" spricht, so kennt er den Talmud uicht. Wir sind ihm und den anderen Herren und Frauen von der ״Gesellschaft" gewiß sehr dankbar, wenn sie sich unser in Liebe erinnern und eine ״Liebesschuld an Israel" anerkennen. Diese ״Schuld" würden wir aber durch ihr Wirken im Kreise der Ehristenheit viel besser getilgt erachten, wenn sie sieh nämlich bcmühen wollten, dort ״die Saat auf Hoffnung" für die Verbreitung der vom Ehristenthniue aujgcnoimneuen jüdischen Wahrheiten auszustreuen, daß Recht und Liebe, Sittlichkeit und Tugend, wie sic das jüdische Buch der Bücher lehrt, immer festere Wurzel fassen. Wir glauben, daß für diese Mission in der christlichen Gemeinde noch ein weites Arbeitsfeld erschlossen werden könnte. Israel wurde sich aber herzlich freuen, wenn solche Saaten dort herrlich gedeihen, es würde darin mit aufrichtigstem Danke gegen Gott die Bezahlung jener ״Liebcsschuld" freudig anerkennen. Wenn aber die ״Gesellschaft" auch für die Juden ganz speziell etwas leisten möchte, so empfehlen wir ihr, cS sich angelegen sein lassen zu wollen, den Geist des Hasses und Neides und des VornrthcilS, dem Paulus schon entgcgentrat, als ob Israel von Gott verworfen sei, in dem Kreise der Christenheit zu beschwören, auf daß