Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1887)
- Article
- Die Schächtfrage im Deutschen Reichstage
- Date
- 1887-05-26
- Page
- 325 (sequence 3)
- Language
- German
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825 welchem Umfange sic als völlig unbegründet ztl bctrachten sind. Ich bin durchaus ein Freund der Bcstrcbungcn, welche der Verband deutscher Thierschutzvereine im Allgemeinen zeigt, und auch bereit, so weit nicht andere begründete und berechtigte Verhältnisse dem cntgcgcnstchcn, diesen Bestrebungen in der Gesetzgcbnng zum Ausdruck zu verhelfen; aber diese Uebcrzeugnng kann mich doch nicht dagegen blind machen, daß in dem einzigen Punkte, in welchem von anderer Seite ein ergiebiges Material beigebracht worden ist, die Petitionen der deutschen Thicrschutzvcrcinc vollständig unbegründet sind. Der Abg. I),׳. Miguel hat weiter in Ucbereiustinunnng mit den Forderungen der Pctltioncn die Forderung ausgestellt, daß das Schlacht- Vieh vor dem Schlachten durch Betäubung bewußtlos und unempfindlich gemacht werden soll. Das ist aber gerade der Punkt, gegen den sich die Petitionen von mehr als 2000 jüdischen Gemeinden wenden. Und in anderen Ländern, wie Oesterreich, welches besondere Bestimmungen über die Handhabung des Schlachtcnö getroffen hat, hat man doch vor dem Punkte Halt gemacht, vor der religiösen Ueberzcngnng der Israeliten; man hat gegenüber dem NitnS des jüdischen SchüchtcnS nicht den Anspruch erhoben, welchen der Abg. Di׳. Miguel hier so allgemein erhebt, daß vvr dem Schlachten eine Betäubung cintretcn solle. Ich möchte dann gegenüber den Ausführungen des Abg. Herrn Di׳. Vöckel doch noch einmal Hinweisen auf die gesammelten Auszüge aus den wissenschaftlichen Gutachten, und an dieser Stelle noch einmal - speziell Hinweisen auf diejenigen Worte, in welchen unser Kollege Herr Professor Dr. Virchow sich über diese Frage ausgesprochen hat. Cr sagt anSdrücklich: Wenn die rituellen Bestimmungen beim Schächten vollständig erfüllt werden, was bei der Natur der Sache sicher zu erwarten ist, so wird der humane Zweck in ungleich sichererer Weise erreicht, als auf irgend eine Art des SchlachtcnS. Diesem Gutachten haben alle übrigen befragten Autoritäten zngcstimmt. Cs kann deshalb auch nicht anerkannt werden, daß diese Frage, wie Abg. Di׳. Böckcl gemeint hat, eine Streitfrage ist; sic ist eine Streitfrage für Denjenigen, der überhaupt keinen Frieden will uub stets unbewiesene Behauptungen vorbringt. Herr Böckcl spricht immer von humanen Gesinnungen; ich möchte ihn doch bitten, dieselben humanen Gesinnungen, die er gegen die Thicre zeigt, doch auch einmal gegen seine Mitbürger, die Inden, anznwcndcn und nicht immer von einer fremden Nasse zu sprechen. (Zustimmung.) Ich glaube, das Indcuthum hat bereits so schwere und so starke Stürme durchgemacht, daß eS vor dem Abg. Dr. Böckcl wahrlich keine Furcht zu haben braucht. In demjenigen Theile Hessens, in welchen» der Abg. Dr. Böckcl gewählt ist, ist eine Verhetzung der Bevöllernngsklassen eingctrctcn, wie sic schlintmcr nicht gedacht werden kann. Uub wenn der Herr Abg. Du. Böckcl Präsident v. WcdelDPiesdorsf: Ich möchte den Abg. Vrocmel bitten, nicht zu weit von dem Gegenstand der Verhandlungen abzuschweifen. Abg. Broemcl (fortfahrcnd): Wenn der Abg. Dr. Vöckel in so schroffer Weise viele Tausende seiner deutschen Mitbürger angegriffen hat, so glaube ich, verdient er eine Zurückweisung. Präsident: Ich will den Herrn Abgeordneten für seine Zurückweisung nicht in der Redefreiheit beschränken, möchte ihn aber bitten, sic nicht über Gebühr auszudehnen. Abg. Brocmel (fortfahrend): Darin stimme ich dem Herrn Präsidenten vollkommen bei. (Große Heiterfett.) Ich möchte mit der Mahnung schließen, daß der Abg. Di׳. Böckcl, wenn er in einer Frage sein Urthcil abgicbt.choch künftig auch zunächst das vorliegende Material prüfen möge, und dann, bei der Abgabe seines Urthcils, die humanen Gesinnungen bethätigcn möge, welche er dem Schlachtvieh gegenüber zu haben scheint. (Beifall.) Abg. Dr. Miguel.׳ Ich bin vom Abg. Broemcl vollkommen mißverstanden und muß entschieden dagegen protestircn, in diesem vorliegenden Fall, wo viele Mitbnrgcr in Deutschland beunruhigt sind, solchen ganz unverständlichen Mißverständnissen auSgcsctzt zu werden. Ich habe ausdrücklich gesagt: ich unterstütze den Antrag des Herrn Kollegen Windhorst. Ich habe sogar für den Fall, daß sein Prinzipalantrag nicht angenommen wird, um die Sache noch deutlicher anszndrücken, beantragt, das Wort ״thnnlichst" ans seinem Cventnalautrag hcranSzunchmen. Es handelt sich hier allerdings um die Berücksichtigung eines GlanbcnSarlikcls eines großen ThcilS unserer jüdischen Mitbürger. Ich bin überzeugt, wenn wir das Schächten ganz verbieten würden^ so würde eine große Anzahl unserer deutschen Mitbürger sich des Ftcischessens enthalten. Ich habe gesagt: ich unterstütze die Bestrebungen der Thierschutzvcreinc nach ״allen Richtungen. Ich möchte doch der» Abg. Broemcl bitten, auf die Dörfer zn gehen und zu sehen, wie das Thicrqnälcn beim Schlachten dort eine herkömmliche Sache ist. Machen Sic sich doch einmal eine Vorstcllnng von dem Eindruck, den diese Thierqnälerei auf die Dorftinder machen muß, die zu Dutzenden beim Schlachten hcrumstehen. Ich möchte nur, daß über die Frage des rituellen SchächtenS die ganze Hauptfrage hier im Reichstage nicht außer Acht gelassen werden soll. Es findet dmchgüngig in großem Maßstabe in den Dörfern eine ganz ungewöhnliche Grausamkeit beim .Schlachten der Thicre statt. Andere Nationen sind in dieser Beziehung viel weiter vorgeschritten, deshalb verlange ich, daß auch hier bei nnü die Sache gesetzlich geregelt wird.