Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1887-05-12 · Heft 19 (12.5.1887) · p. 290

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 19 (12.5.1887)
Article
Eine Sefira-Betrachtung [Nachricht]
Date
1887-05-12
Page
290 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2932754-2932755-2932774-2935143--24943-2935197
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

wie weit cö in diesem Alphabet bereits Meister geworden. Es war eine .schwere Aufgabe, .die ihm .gestellt wurde, in jenen Tagen, deren Gedächtniß die ergreifenden Töne der von Seufzern bewegten Saiten der Lyra unserer Sänger des Mittelalters verewigen. Da stürmten sie heran, die Schaaren der nach Israels heiligem Lande ziehenden Kreuzfahrer. Die Grabstätte eines Juden wollten sie im fernen Osten erobern; Deus 10 volt. Gott will cS haben, lautete ihr Wahlruf — da warfen sic sich auf die unter ihnen wohnenden Inden, um sich in deren Blut die Weihe für das vermeintlich Gott wohlgefällige Werk zu holen. Die Juden hatten zu wählen zwischen Untreue gegen Gottes Gesetz und bcm martcrvollsten Tode. Sie zogen den Tod vor und ließen sich hinschlachten. Die Wasser der deutschen Ströme Rhein, Main und Donau waren von dem Blute der erschlagenen Inden geröthet. .״ .יחדיו נועצו גוי עז פגיםSie hatten es genteinsam geplant — Volk harten Sinnes — wild schäumende Fluthen fuhren sie über uns — ihres Zornes Wuth wollte uns lebendig verschlingen! — Kinder und Weiber schleppten sie zur Schlachtbank — erwürgten die Knaben auf den Gassen, Jünglinge auf offenem Markte — hatten keine Schonung für unsere Priester, kein Erbarmen für unsere Greise.-Vor d.cr lauten Verhöhnung und Lästerung, vor dem nach Nache gierigen Feind — von Dir, Gott, wollten sie nnS loSrcißcn, zum Abfall von Deinen Pfaden uns verführen — ob dcr VekehrungSwuth erstarrt unsere Seele — solltest Du dieses nicht ahnden, nicht als Vertreter des Rechts aufstehen? Im Jahre 4856 — v Zeit vcS MvrocuS und des Schlachtenö! — da kam das Verhängnis;! Heilige Gemeinden elendiglich hingewürgt in Wuth und Grimm — Greise, Jünglinge und Jungfrauen nackt zum Grabe geschleift — Gruben angcfüllt mit Leichnamen von Knaben nud Mädchen und Lehrern dcr Thora!-—. Als Abraham seinen einzigen Sohn zu opfern bereit war, da erschallte der Nuf aus HimmelShöhcn: Lege keine Hand an. ihn — und jetzt? Wie viel Söhne und Töchter JndaS werden dahingeschlachtct — Niemand eilt zu ihrer Hülfe — da liegen sie gemordet und werden auf Scheiterhaufen verbrannt. Und daö köstlichste Gut, die Thorarollcn, die auch von ihnen gekannt sind — als Zelte ausgespauut, über Tragbahren gebreitet, -zu Strümpfen und Schuhen, für Aussätzige geschnitten. — — Darob weine ich. und meinen Augen cntquillcn Thrüuen." Diese blutigen Katastrophen bilden aber nur einen Abschnitt-in dcr großen jüdischen Leidensgeschichte. Ein Leben voller Entbehrung unter Sorge und Noch', unter Verspottung und Verachtung, unter Druck und Elend, das war das LooS, welches den Juden in der ungastlichen Wüste des Galnth bereitet, wurde. Und ein Jeder von ihnen fand sich, in jeglichem Augenblicke vor die Erwägung gestellt: aller Freiheit und Ehre theilhaftig zu werden gleich den anderen Menschen, in , deren Mitte sie ihr gedrücktes Dasein vcrbrachtcir, oder dieses fortzusetzcn und cs als das gleiche trübe LooS den Kindern zu vererben. Ein Wort hätte cö einem Jeden gekostet, und er hätte für sich und. die Seinen Ehre, Freiheit und Besitz sichern können. Israel hatte dieses Wort nicht; eS leistete in jedem Augenblicke willig und freudig Verzicht auf Ehre, Freiheit und Besitz, um dem Gesetze Gotteö die Treue zu bewahren. Es opferte seine und seiner Kinder irdische Güter für diese Treue, und ein Jeglicher von ihnen vollzog, gleich dem hehren Beispiel des großen Ahn, in jedem Angenblicke dies Opfcr der irdischen Zukunft seines Kiudeö und besiegelte mit dem Verzicht auf die Erdengüter seine Gottestrcue. Diese traurigsten, dunkelsten Jahrhunderte in dcr Geschichte der Menschheit, in welchen Roheit und Sitten- Verwilderung, Gewaltthätigkeit und fanatische Glaubenswuth die Herrschaft führten, bezcichucu in der jüdischen Geschichte eine Zeit des Glanzes und des Lichtes. In den elenden Hütten Israels weilte Sitte und Geistes- Hoheit, hinter den Thoren der engen Judcuvicrtel entwickelte sich ein reines, tugendhaftes Leben. Dcr geächtete Jude war hier dcr wahrhaft Freie, der sich au dein Studium der Thora erlabte und eines so deglückenden Daseins sich erfreute, daß sein furchtbares äußeres LooS cs wohl trüben aber nicht auSlöschcn konnte. Da bestand cS die Prüfung mit Glanz, da erwies cö sich als gelehriger und treuer Schüler seines Meisters und erzeugte die קהלות הקדש, an deren Gedächtniß sich noch heute und allezeit unsere Seele begeistert erhebt, die ihr Leben hinzuopfcrn wußten על E&'fl קדושת, für die ungebrochene, Gott heiligende und seinen Namenunter den Völkern verkündende Treue, erzeugte die׳ Männer und Frauen, die unsere Väter und Mütter zu neunen unser unaussprechliches Glück ist, die wahrhaften ההסידיפ: התמימים הישרים die vollen Anspruch haben auf die Namen, der Fron!- men, Tugendhaften, unb Treuen, die Adler gleich sich zur Hohe epiporzuschwingen wußten und Löwen gleich, das Hciligthuui deö GottcSgcsetzeS schützten, deren ganzes Erdcnwallcn sich zu einem ריח ניחוח לה׳ gestaltete. Wenn diese Väter und Mütter aus lichter Höhe, hiuabschaucu aus ihre Enkel und bei ihnen suchen nach dcr von ihnen bewährten Treue, nach den: von ihnen geleisteten Gehorsam, ' nach dem Ideale ihres-Lebens, nach dem von ihnen gepsianzten Geiste, nach der von ihnen' gehegten Begeisterung, nach dem Hciligthnme, das sie in unangetasteter Nciuhclt den Enkeln zu -gewissenhaftcr Hut 'hinterlassen, —- werden -sie in den

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.