Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1887)
- Article
- Das neueste Manifest der Reform
- Date
- 1887-05-05
- Page
- 275 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2932754-2932755-2932773-2935051--24879-2935106- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
27S / - — ward dennoch in immer weiteren Kreisen endlich erkannt, und eS schaarten sich wackere Männer zu einer freien Vereinigung' zusammen, um die gefährdeten Interessen des orthodoxen Indenthumö zu schützen und zu fördern^ Es gicdt keine entschiedenere Verleugnung der Wahrheit, kcine offcnkundigcre Entstellung der Thatsachcn, als die falsche Behauptung und Anschuldigung von der Streit- und VcrfolgungSsucht der Orthodoxie, der deutschen ״Neuorthodoxie", wie man sie mit vielem Behagen im Gegensatz zu der geträumten und sehnlichst gewünschten sich ruhig zum Anssterbcn vernrthcilcn lassenden Orthodoxie zu bezeichnen liebt. Sie vertheidigt nur ihr Heiligstes gegen ' die unberechtigten An- und Eingriffe einer fanatischen -Reform. Daß diese die Berechtigung dieser Verthcidigung bestreitet und damit die 'Existenz-Acrechtigung des einzig wahrhastigen Jndcuthnms überhaupt zu bestreiten wagt, ist die eklatanteste Vethätigung ihres zclotischcn FanatismnS. Wäre sie nicht von einemsolchen im hohen Grade erfüllt', ja bildete dieser nicht den eigentlichsten Kern ihres Wesens, wäre sie in der That von einer positiven Ucbcrzeugnng durchdrungen und nicht vielmehr ' ein inhaltloser Schemen, eine leere Negation, so würde sie redlich und gerade anstrctcn, so würde sie cS verschmähen, kuckiikSglcich die fremde Wohnung zu okkupiren, so würde sic-ihr'eigenes Heim sich zu gestalten suchen und nicht die nnqualifizirbare Prütcusiou erheben, derrechtmäßige Besitzer des Namens Iudcnthnm und der rechtmäßige Inhaber und Erbe, der. für das — zur Unterscheidung von dem falschen — orthodoxe Juden- Ihum errichteten׳ Gcmcindcinstitntioncn zu sein. Dann hätte sie sich unter irgend' einem ihr passend scheinenden Namen, nur nicht dem des Iudcnthums, konstituirt und cö versucht, ihrem neuen nichtjüdischcn Bekenntnisse still und friedlich zu dienen ohne Befeindung der Stammes-׳ genossen, ohne Beeinträchtigung der Rechte der Bekenner dcö JndmthnmS, ohne Kränkung und Schmähung dcS Hciligthnms. ihrer jüdischen Väter. Wir haben hier das ncncste Manifest der Reform vor uns. Sein Verkünder nimmt eine hervorragende Stellung in ihren Reihen ein und bringt das Bekenntniß der ״Deutsch-Indischen Neformpartei" zur öffentlichsten Kundmachung. Wir haben dasselbe bereits in seinen wesentlichen Grnndzngcn wörtlich, mitgetheilt.- Man braucht kein orthodoxer Jude, ja man braucht nicht einmal Jude zu sein, um zu begreifen, daß dieses Bekennlniß der Reform den vollsten Bruch mit dem .Judcnthum bcdeul'ct, daß die Nesorm sich buchstäblich damit von dem Judcnthum lossagt,--daß sie gegen die vom Jndenthum proklamirlcu Lehren förmlichst Protest cinlcgt, daß somit die Kluft zwischen Judcnthum und Reform weit größeiM, als zwischen Jndenthum und den! die Autentizität der Bibel als Gotteswerk anerkennenden Christenthum. Daß dieser zwischen Reform und Judenthum klaffende Gegensatz nicht etwa ein der Erstercn unbewußter, sondern ihr in vollster Klarheit zun! Bewußtsein gelangt ist, har Herr Lehmann in klaren dürren Worten in eben diesem Manifeste ausgesprochen. Er bekennt cs uuverholen, daß der Reform das Jndenthum nur dem Namen nach noch vorhanden ist, dessen Inhalt aber nicht. Dennoch aber hat dieser selbe Apostel der Reform die Dreistigkeit, den Orthodoxen vorzuwersen, daß sie fchdcsüchtig und verketzernd ״die Einheit der Religionsgemeinde", ״den Gemeiudefrieden" zerstören!! Vor dem Forum der Wahrheit und Gerechtigkeit,, vor dem Angesichte Gottcs und vor dem Urtheile eines jeden unbefangenen redlichen Mannes ist diese Anschntdigung in ihrer totalen Hinfälligkeit gerichtet und fällt die Anklage in vernichtender Wucht auf das Haupt des Anklägers selbst zurück. Nicht wir, die Orthodoxen, ihr, die Nesormer, habt die Einheit der Neligionsgemeinde zerstört, ihr, die Reformer, habt den Gemeindefricden untergraben, denn ihr habt euch unterfangen das einigende Band der über den ganzen Erdball zersprengten Söhne Israels zu zerreißen. Ihr habt das Jndenthum verleugnet und sucht eS zu fälschen und zu entstellen. Ihr habt die Stirn, die Ausgeburt einer cipostatischen Willkür als daS von Gott offenbarte jüdische Gesetz auszugegeben. Jhr^habt das. wahre Judcnthum und seine Bekenner geschmäht und verfolgt und versucht es, die Gewisseneinzulullen und die Begriffe zu verwirren, daß immer weitere Kreise auö- Unvernunft und Unkenntniß in euren Abfall hineingezogcn werden. Wir, die Orthodoxer), welche sich nicht von euren armseligen Phrasen blenden lassen wollen, haben nur daS Werk der Vertheidigung geübt und üben es noch jetzt. Ihr habt uns zum Tode vcrurtheilt, aber wir .leben noch und legen Verwahrung ein gegen jede fernere Usurpation, die von eurer Seite versucht wird. Wir sind zusammcngetrctcn, nicht zum Angriff gegen euch, sondern zur Abwehr-und zum Schutz, und wir werden unter Gottes gnädigem Beistände ausharren. Ihr werdet nicht mehr euch als die berufenen Vertreter der gesammtcn deutschen Judcnheit in den Augen der Welt anfspielcn können, die Versammlungen eurer Rabbiner- und eurer Lehrer werden nicht mehr als Versinumlungen der deutschen Rabbiner und Lehrer׳ schlechthin, sondern nur als der Rabbiner und Lehrer-der ״Deutsch- Indischen Neformpartci" gelten können. . - DaS hat bereits die Existenz der orthodoxen Vercinigung bewirkt. Wer gerecht und billig, nicht fanatisch und zelotisch ist, wird sich dieser Thatsache sreu-en, und nur Diejenigen, welche das Licht, der Wahrheit scheuen, weil ihre Bestrebungen die Helle nicht vertragen