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Jeschurun · 1887-05-05 · Heft 18 (5.5.1887) · p. 274

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 18 (5.5.1887)
Article
Das neueste Manifest der Reform
Date
1887-05-05
Page
274 (sequence 2)
Language
German
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274 großen Ziele, welche das gegenwärtige Jahrhundert sich gestellt. Sie spottet der altväterlichen, nnbeholfcncn Vergangenheit und ergießt die Schale Gittern Hohnes Liber die beschrankte Einfalt, welche in der Gegenwart das heilige Erbe der Vergangenheit bewahren, ja eö sogar noch der Zukunft überantworten will. Sie hält sich für etwas ganz Anderes, Besseres, Höheres,' Tüchtigeres als die Väterweise. Verfolgungswahn — denn sie wähnt sich von der Orthodoxie angegriffen imb verfolgt, während gerade sic cs ist, welche mit allen Waffen erbitterten Hasses das alte wahrhaftige Judenthum, dessen Namen sie nsnrpirt, verfolgt und bekämpft. Von David Friedländcr bis Emil Lehmann, vom Westphälischen Konsistorium bis zur Augsburger Synode, von des verstorbencn Heß' ״Israelit" bis zu Rahmers ״Wochenschrist" z§igt die Reform diesen Verfolgungswahn.׳ Sie, die Reform, ist in dgs jüdische Heiligthum gedrungen,, um daselbst ihr Idol aüfzustellen. Der fanatische Kreuzfahrer hatte die Gotteshäuser eingeäschert und die heiligen Thorarollen verbrannt. Die zclotische Reform aber okkupirte das Gotteshaus und fälschte-das ewige Gesetz des ewigen Gottes.- Ihre- Hierophanten verkündeten und weihten den Abfall, die Apostasie; ihre Schergen verjagten die treuen Bannerträger des Jndenthums, chre Reisigen nahmen von den Gemeinden Besitz und ließen die Verthcidiger des HciligthmnS im tiefsten Verließ verschmachten. Ihre Schriftkundigen und Lehrer erklärten die heiligen Urkunden für eitel Lug und Wahn und verführten durch Lehre nnd Beispiel das Volk, während ihre Häuplinge das orthodoxe Judenthum, und die orthodoxen Juden bei den Negierungen verlästerten und Lehre und Beobachtung des Gottcsgesetzes mit Gewalt zu unterdrücken suchten. Und * da wagt man .von dem Fanatismus und der Verfolgungssucht der Orthodoxen zu reden!? Gott sei Preis und Dank, daß cs der Reform nicht gelungen ist, jeden Widerstand zu brechen und sich zmn' Alleinherrscher in den jüdischen Gemeinden Deutschlands zü machen. Gott weckte den Muth der Begeisterung in der Brust seiner Getreuen. Sie rafften sich auf zur Vertheidigung des heiligsten Guts und behaupteten mannhaft das Schlachtfeld, das glorreiche Banner des .alten wahrhaftigen JudcnthuinS in der Hand. ׳ Angesichts der zur neuen kräftigen Entfaltung gelangenden Orthodoxie, gegen welche die alten, lange geübten Künste sich als unzulänglich erwiesen — wo findet z. D. die Verleumdung der^Bitdungsfeinolichkeit und der Staatögefährlichkeit daS orthodoxen Judenthums heute noch in Deutschland gläubiges Gehör? — versuchte die Reform in neuerer Zeit eine neue Kampfes« weise. Was nicht der brutalen Gewalt gelingen konnte, das soll durch verschlagene List erreicht werden. Man hißt die Friedcnsfahnc auf und läßt an Stelle der Kriegsfanfare die liebliche Schalmei erschallen, welche zum frohen Neigen ladet. Es schweige der Streit, so lockte die Reform, kommt her zu uns zmn gemeinsamen Spiele. Wir wollen euch führen zur blühenden Au. Folgt unserer Leitung in sichern! Vertrauen. Kein Wort des Zwistes werde fernerhin gehört. In friedlichem Verein laßt uns den Acker bestellen. Wir reichen euch die Saat, streut sie mit uns aus. Prüft nicht, untersucht nicht. Wir haben der Saat die alten Namen gegeben, die euch werth und thcucr sind. Seht nur die Aufschrift an. Zaudert nicht, vertrauet auf uns. Diesem einschmeichelnden Lockruf der Reform leisteten Manche Folge und schickten sich an, unter Führung der Reform den Acker der Zukunft zu bestellen mit der Saat, die ihnen diese gereicht. Lieblich tönte die Flöte, heiter klang die Lante, lustig wirbelte die Cymbel. Mit schlauem Lächeln sahen die Führer der Reform zu, wie reckenhafte Orthodoxe den stolzen Nacken ihrem Joche beugten und im Schweiße ernster Arbeit in die von der Reform gezogenen Furchen die Saaten streuten, welche sie ans ihren Händen ent« pfangen, in treuherzigem Glauben an die Acchtheit der Namen, welche die Reform ihnen bcigclegt. Das klug ausgcdachte Werk schien zu gedeihen. Unter der Devise ״D. I. G. V."') arbeitete bereits die Orthodoxie für die Zieleder Reform, wirkte mit an dem stolzen Bau der Zwingburg, welche die Reform zu errichten trachtet, um voll ihr die. Alleinherrschaft über die gefammte Judenheit Deutschlands auszuüben. Vor ihrem freudetrunkenen Blicke strebt dieser stolze Bau schon zum Himmel. Auf dem weiten Platze wird überall rüstig an ihm gearbeitet, und die Orthodoxie selbst ist nicht der an! mindesten eifrige Arbeiter. Niemand stört das Fortschreitcn des Baues, Niemand lehnt sich gegen ihre sanft und vorsichtig erthciltcn Anweisungen auf. Die hin und wieder aus der Mitte der Orthodoxie laut werdenden Warnrufe finden bei den fleißigen orthodoxen Mitarbeitern kaum Gehör und scheinen spurlos zu verhallen, wie der Kassandra Verkündigung von Ilions Untergang. Man glaubte hier nnd dort, diese Warnung vor der Umgarnung der Reform als Ausgeburt einer finstern Schwarz« schere! auffassen zu sollen und vermeinte, den Nerzen des ״D. I. G. B." sich ebenso wenig entziehen zu brauchen, wie Troja denen der Gemahlin des Paris. - Dennoch war diese Warnung nicht vergeblich. Die Hülle fiel dennoch, welche die wahre Gestalt des ״׳D/J. G. V." umtlcibctcl Diadem wahren Judenthum in Deutschland von dieser Seite drohende Gefahr 1) Deutsch-Jsraeliüscher Gemeinde-Bnnd.

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