Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 17 (28.4.1887)
- Article
- Antisemitismus
- Date
- 1887-04-28
- Page
- 262 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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262 Warum laßt man, klagen die Antisemiten, nicht minbestens diese Zustände wiederkehrcn? Aber zu derselben Zeit ermangelte der Bauer der Freizügigkeit, war er dem Gutsherrn leibeigen, mußte er mit seinen mageren Gäulen unentgeltlich des Grund- Herrn Felder Pflügen, hatte er von dem geringen Ertrag seines eigenen Feldes ein gut Thcil an den Gutsherrn abzulicfern, stand ihm in seinem Bedränger auch sein Richter gegenüber, und wenn er eö wagte, höheren OrtS sich über den Grundherrn zu beschweren, so belehrte ihn nur zu bald der Gerichtsherr durch Arrest in der ״schwarzen Stube", durch Pranger ״in Eisen", durch die gewisse Bank und andere schlagende Erinncruugen, daß cs rcspcktwidrig sei, über die ״gnädige Herrschaft" übel zu denken. Würde eS der antisemitische Vertreter eines LandbezirkcS unternehmen, seinen Wählern die Rückkehr auch dieser Zustände als wünschenswerth zu bezeichnen? Ob dann wol die guten Landleute, welche seine Brandreden gegen die Juden so lebhaft beklatschen, viel glimpflicher mit ihm verfahren würden, als mit ihren Vorvätern der beleidigte Gutsherr? Der Judcndruck und der Baucrndruck waren aber doch nur verschiedene äußere Erscheinungsformen jener engherzigen Zeitrichlnng. welcher eS statthaft erschien, die durch Herkommen und besondere Privilegien bcvorzngtcn Klassen der Gesellschaft in der Zurückdrängung und Niederhaltnng solcher Gesellschaftskreise frei gewähren zu lassen, auf welche man, als auf minderwerthigc Arten dcS genus homo, vornehm herabblickte ober aber welche bezüglich der Konkurrenz der angeborenen Begabung mit der ererbten Rechtsstellung Besorgnisse erweckten. Und ' da die Macht in ihren Mitteln, sich zu behaupten, selten wählerisch ist, so darf eS bei der geringeren Feinfühligkeit jener Zeit für die Leiden der Mitmenschen und bei der roheren Art der Sitten nicht Wunder nehmen, wenn man sich die Bauern leiblich dienstbar uns zinSpflichtig machte und die Juden nur insoweit'zur Geltung kommen ließ, als man ihrer zu' kl.cineren und. größeren DarlehuS- .und Handelsgeschäften im eigenen Interesse bcnöthigte. WaS will nun der Antisemitismus? Er bezweckt, indem er die Juden der staatsbürgerlichen Rechte entkleiden, ihnen den Schutz und die Wohlthat der zu Recht bestehenden.Gesetzgebung entziehen möchte, eine partielle Wiederherstellung jener der Vergangenheit angehörigen Barbarei. Aber er hütet sich wohl, die NechtSanschauung zu akzepftrcn, aus welcher die letztere sich entwickeln mußte, und will sohin eine Wirkung, ohne die Ursache derselben zu wollen, und-er will von mehreren mit einander zusammenhängenden Wirkungen einer und derselben Ursache nur eine, in ihrer Lo§- lösuug von den anderen. , .. / Und .augcthan mit solchem logischen Fetzwerl, aber auch mit dem Größenwahne eines Calignka, der von seiner Umgebung fordert, daß sie ihn kniefällig änbete, stellen sich die Helden der antisemitischen Kohorte auf die Podeste öffentlicher Versammlungslokale, auf Lehrstähle, Kirchenkanzeln und parlamentarische ° Rednerbühnen, predigen die Verbesserung der Welt durch daS große Prinzip, das sie vertreten, weinen Krokodilsihrancn über die guten Christen und die bösen Juden und entrollen ans eitel heiliger Liebe die nnheilige Fahne dcS Hasses, der Verachtung und Verfolgung gegen das jüdische Volk. ES wäre eine Illusion, zu glauben, dem AntiscmitiSmnS, der sich selbst nicht zu motiviren vermag, mit vernünftigen Gründen bcikommen zu können. Aber der gesunde Sinn der Bevölkerung wird der weitere» Ausbreitung desselben einen kräftigen-Darum entgegensetzen. Noch ist eS den Antisemiten in keinem Parlamcnt der Welt gelungen, mehr zu wirken, als von sich reden zu machen. Die deutsche Bürgerschaft will von Bestrebungen nichts wissen, welche ihr zumuthen, die staatSgrundsatzlich verbrieften Rechte ihrer jüdischen Mitbürger zu erschüttern und auf diese Art bei der Bestattung der eigenen Rechte und Freiheiten Todtengräberdienstc zu leisten. Und die Elite 'unserer wackeren Landbevölkerung schließt sich der Bürgerschaft an. Zwar giebt cs im nordwestlichen Schlesien und in Steiermark, charaktcristischerwcisc namentlich in solchen Gegenden, in welchen seit Mcnschengcdenkcn nie ein Jude gewohnt hat, eine Reihe von Ortschaften, in welchen der wüthendste Antisemitismus grassirt. Aber ans - dem im vorigen Jahre in Wien abgehaltcnen deutsch-österreichischen Vancrnpartcitage konnte ein Mitglied (Kirchmayr) daS Treiben der antisemitischen Partei, welche die Bauern zu fremden Zwecken mißbrauchen wolle und aus einem Lügensystcme aufgebant sei, unter stürmischem Bcifalle der Versammlung verurtheilen. ES wäre auch nnbegreiflich, -wenn es anders wäre. Muß doch von allen klar Denkenden bei jeder antisemitischen Kundgebung, ganz abgesehen von der Frage nach der sittlichen Berechtignng, die Frage noch der logischen-Berechtigung dcS antisemitischen Standpunktes aufgeworfen werden. Kann man denn, so wird und muß der gesunde Volkssinn fragen, von der aus den Ruinen mittelalterlichen Völkerdrnckes erbauten parlamentarischen Nednerbnhne, kann man auf dein Boden der politischen und konfcssionellen Freiheit, kann man als Konsequenz des Prinzips der Gleichheit aller Staatsbürger vor dem Gesetze die Forderung erheben, cs müffe jener Druck bezüglich eines einzelnen VolkSstanuneS, nämlich der Juden, wiederhergcstellt und eS müsse diese Freiheit und Gleichberechtigung für eine besondere Kategorie von Staatsbürgern, nämlich für die Juden, außer Wirksamkeit gesetzt werden? Kann, man das, ohne