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Jeschurun · 1887-04-28 · Heft 17 (28.4.1887) · p. 263

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 17 (28.4.1887)
Article
Antisemitismus
Date
1887-04-28
Page
263 (sequence 5)
Language
German
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263 sich selbst deö Widerspruches inne zu werden, in welchem man sich befindet, und ohne zu begreifen, daß man dann dem Manne gleicht, der den Ast absägt, auf dem er sitzt? Kann man mit dem linken Mundwinkel seine humanitäre Entrüstung, zum Beispiel für Diejenigcn zum Ausdruck bringen, welche als ErzichnngSmittel für trotzige und ungeberdige Schuljungen die Rurhe wieder in die Schnlstube cinführen möchten, imb mit dem rechten Mundwinkel die mittelalterliche Judenhetze zum Postulat der Gegenwart machen? Kann man am Sonntag in den Fluthcn der allgemeinen Menschenliebe behaglich plätschern und am Wochentage Drachenzähne säen? Der Antisemitismus steht mit einem Fuße in der Vergangenheit, mit dem andern in der Gegenwart. Wenn derselbe in seinem Wesen und Charakter nicht gar so niedrig wäre, so könnte man an den alten Koloß von NhoduS denken, von welchem die Fabel erzählt, daß er mit auögespreizten Beinen über der Einfahrt in den Hafen stand. Aber zwischendurch fuhren die griechischen und phönizischcn Schiffe, ging der Handelsverkehr der alten Welt, nahm die Kultur ihren Weg. Wer übrigens nur mit einem Fuße auf dem lebendigen Boden der Gegenwart steht, der steht mit dem andern — im Grabe und bald wohl mit beiden. Aus jüngst vergangeirer Zeit. Novelle von Friedrich Nott. .- - —(Nachdruck verboten.)' (Schluß.) ״Ich habe," versetzte er langsam, zögernd, ״ich habe — mit meiner Braut gebrochen." ״Waö?" rief die Blinde, ״mit der jungen Dame, die neulich mit Ihnen hier war? — Aber ich bitte Sic um des Himmclswillen, warum denn das?" Das junge Mädchen am Fenster war glühend roth geworden, sie blickte nicht mehr zum Bette hin, sie neigte sich über ihre Arbeit und schien in ihre Stickerei vertieft. ״Warum haben Sie das gethau?" wiedeaholte die Blinde dringender. ״Weil —" erwiderte er wiederholt zögernd, ״weil — Sie erinnern sich, Frau Aronowitsch — am verwichcnen Sabbath.— ich wollte ein Rezept für Sie verschreiben — Sie haben cö nicht zugegeben — Sie haben mich an das GotlcSgesetz erinnert — haben mich erinnert an meine frommen El:cm — haben mir den Schmerz geschildert, den meine frommen Eltern empfinden würden, wenn sie wüßten, daß ich die spezifisch jüdischen Religionsvorschriften nicht beachtet — und da — da habe ich den Entschluß gefaßt, fortan, wie in meinen Kinderjahren, als acht frommer Jude zu leben." ״Gott soll Sie segnen! Gott soll Sie segnen!" rief die Blinde, indem sie seine Hand heftig׳ drückte. ״Aber warum haben Sie mit Ihrer Braut gebrachen?" ״Fräulein Lcwison hat eine vollständig unjüdische Erziehung erhalten — sie konnte sich zu einem den Neligionsgesctzen entsprechenden Leben nicht entschließen — da habe ich eö als Pflicht betrachtet —" .Die Blinde richtete fiel) hastig auf, ihre lichtlosen Augen überströmten. ״Gott wird Sic segnen," wiederholte sie mit vor Rührung bebender Stimme. ״Gott wird Sie segnen." ES entstand eine Pause. Das junge Mädchen am Fenster hatte die Arbeit sinken lassen, auch in ihren Augen standen Thränen. Sie hatte die ineinander geschlungenen Hände gegen die Brust gestemmt und blickte mit einer gewissen Aengstlichkeit ans ihre Tante, denn sie wußte, was nun bevorstand. ״Glauben Sie —" begann endlich der Doktor mit sichtlicher Anstrengung, denn seine Aufregung drohte ihn zu übcrmannen, glauben Sie — daß — wenn sie Alles wüßte — auch meine Mutter mich segnen würde?" ,,Ob sie Sie segnen würde? — glücklich würde sie sich preisen, einen solchen Sohn zu besitzen." Wiederum herrschte Schweigen. Die Blinde war wieder znrückgcsnnken in die Kissen, das junge Mädchen hatte ihre Arbeit wieder in die Hand genommen, aber ihre Nadel bewegte sich nicht durch die Leinwand. Der Athen» des Doktors ging höher, er bedurfte mehrerer Minuten, bevor er von Neuem beginnen konnte, — endlich Hub er an: ״Sie haben mir von Ihrem Sohn erzählt — der durch einen Sprung ins Meer der Taufe sich entzogen. — Die Erzählung wgr mir nicht neu — ich — ich habe einen Freund — dem ist es ähnlich ergangen — er war auch ein Russe — bei der Marine — er sollte getauft werden — deshalb stürzte er -sich ins Meer.^ Bella war hastig anfgestanden, unhörbaren Schrittes war sie zum Bette geeilt, und stand nun am Kopfende desselben. ' Die Blinde war in schmerzliche Erinnerung verfunken. ״Wie mein Sohn —" flüsterte sie-, ״ganz wie mein Sohn." Nach kurzer Pause führ'der Doktor fort: ״Mein Freund war ein kühner Schwimmerdennoch hielt man - ihn für verloren — die Wellen trugen ihn fort, weit fort. — Aber der Himmel

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