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Jeschurun · 1887-04-28 · Heft 17 (28.4.1887) · p. 258

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 17 (28.4.1887)
Article
Das neueste Manifest der Reform
Date
1887-04-28
Page
258 (sequence 2)
Language
German
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258 bekannte» Lcssing'schen Parabel von dem Ringe ״den Schlüssel zur Lösung dcö Nüihsclö von der Zukunft dcö Jndenthmnü" und sucht die Aechtheit seines Ringes ״durch Liebevolle That und gottergebene Gesinnung" zu bewähren". Die orthodoxen Juden der Gegenwart aber sind zcloüsch, suchen Händel u. s. w. ES muß eine ganz eigmthnmlichc Auffassung von dein was sittlich, edel und gut sei, in der idealen Sphäre der ״Deutsch jüdischen Reformpartci" herrschen, eine Auffassung, welche mit dcr hausbackenen Anschaltung der Orthodoxie im biamdraleii Gegensatz sich befindet. Wir müssen unsere Beschränktheit, die uns sittlich und wahr, .edel und gerecht für untrennbare Begriffe halten läßt, mit Beschämung cingestehcn. Uns will bcdüukcn, daß cö der Sittlichkeit widerstrebt, die Thatsachcn zu eutstclseu, und daß es nicht von Edelsinn zeugt, wenn mau Ungerechtigkeit übt. Wir vermögen deshalb daö vorliegende Manifest der Reform nicht in seiner gewiß erhabenen Größe zu würdigen. Aber cs entspricht sicherlich den! höheren ethischen Standpunkte der Reform, der uns unfaßbar ist. feil* haben gewiß den schweren Tadel, der hier Namens der Reform ausgesprochen ist, verdient. Es muß gewiß ein großes Unrecht sein, daß wir mit dem Heiligen kein Spiel treiben lassen wollen, daß wir die Offenbarung am Sinai für wahr halten, daß wir den Pentateuch als GottcSwort verehren, daß wir den Gesetzen Gottes - unverbrüchlichen Gehorsam zn zollen uns verpflichtet erachten, daß!vir uns nicht zu der Anschauung erheben können, Gott habe sein Gesetz gar nicht ernst gemeint, vielmehr cS dcr Weisheit dcr Herren Lehmann oder David Friedlünder, oder sonst irgend eines Reformers anheimgcstellt, cS zu sichten und zu verändern, ui^cS alsdann als das wahre, höhere und reinere JndenthMn auszu geben. Für diese fürchterlichen Verbrechen könnten wir allerdings von der unerschöpfliche Liebe und Nachsicht des hohen Nejorul-Tribnnalö Verzeihung fiubcn, wenn wir ״still und bescheiden den: alten Batcrbrauche leben" wollten (wie rücksichtsvoll!) und ruhig cö über uns ergehe» ließen, daß die Reform unser Hciligthnm schändet itnd sich die Herrschaft über uns anmaßt; — wenn nur ihre Hoheit.anerkennen und sie in Gemeinde, Schule und Gotteshaus Ungehindert schalten lassen wollten. Als Ruine würde die Reform die Orthodoxie sogar noch pietätvoll zu betrachten geneigt sein. Den ״stillen", ״bescheidenen".Orthodoxen, die den Herren Wcfoniicrn ״wie Zcngeu vergan g e n c r G csehlcchtcr vor Augen fuhren, was damals Gemeingut nun", denen billigt die Reform durch. Herrn Lehmann mildernde Umstände zu. Man lasse sie.in Ruche sterben; mögen sic friedlich in ihrer Beschränktheit in die Grube fahren; mit ihnen sargt man..ja das alte Judenthnm ein. Daß aber das alte Judenthnm noch Anspruch auf Lebe» erhebt, das erschöpft auch die. hiinmlische Milde der cngclgleichen Reform und verdient die öffentliche Brandmarknng. Das Maß der orthodoxen Berbrrchcn ist voll geworden, seitdem eine Vereinigung ins Leben gerufen worden ist, welche die Interessen des orthodoxen Judenthums zu wahren sich unterfängt. Dieser schwarzen That gegenüber kann fürderhin von Nachsicht und Milde keine Webe sein. Hier gilt eS schonungslos vorzngchcn. Die Sache der Reform ist in Gefahr wenn dieser ״Bereinigung" nicht dcr GarauS gemacht wird. Deshalb ist cS ein lobcnSwcrthcS Unternehmen, dieses zu bewerkstelligen und alle Mittel sind darum ״sittlich, edel und gut", wie es die heilige Reform verlangt, wenn sic diesem Zwecke dienen. Darum beschwört Lehmann den Geist dcö alten David Fricdtänder, daß er in ihn! anfö Neue erstehe. Wahrlich, wenn cö wahr sein sollte, waö Lehmann behauptet, daß Fanatismus und ZelotiSmuS auch in den Kreisen dcr deutschen Judenheit auf dem Plane stehen, so sind cS der Fanatismus und ZelotiSmuS dcr Reform, welche in dem vorliegenden Manifeste gegen das alte, glorreiche Judenthnm und seine begeisterten Bekenner in der Gegenwart ihre Pfeile entsenden. ES ist die alte, zur» Ucberdrnß abgenutzte reformistische Praktik, den ihr Heiligstes gegen die Verheerungen der Reform verthcidigcnden und schützenden Orthodoxen fanatischen ZelotiSmuS anzndichten und vorznwerfen, Fanatismus und ZelotiSmuS, deren nicht sic, die Angegriffenen, wohl aber die Angreifer sich schuldig gemacht. Dcr sich selbst Altäre bauende hochmüthige Dünkel, welcher Gott den Gehorsam aufkündigt, verwegenen Sinnes, daS heilige Erbe verleugnend und schmähend, mit dcr Vergangenheit bricht und in Frevclmuth ein Wahngcbildc an Stelle des von Gott am Sinai geoffenbarten Gesetzes mit dem hehre» Name» ״Indenüjum", ״jüdische Religion" zu bezeichnen sich nicht entblvdet, dieser Dünkel hat sich zu einem Fanatismus entwickelt, welcher jede klare Auffassung ansschlicßt und in blinder Wuth das alte wahrhastige Judenthmn und seine Bekenner verfolgt. Wenn jeder Fanatismus eine Verirrung dcS Geistes insofern ist, als er den Gebrauch dcr ruhig erwägenden und nüchtern urtheilendcn Bcrnnnst beeinträchtigt, so ist der Fanatismus der Negation, des Nihilismus, dcr verwerflichste und der ans diesem sich erzeugende Zekotismus der verdannncnSwürdigste. WaS ist daö Judenthnm dcr Reform'? Lehmann giebt hierüber Aufschluß. Die Verwerfung einer jeden göttlichen Offenbarung im wirklichen Sinne dcö Wortes. Mit einer Leichtfertigkeit sonder Gleichen werden au Stelle der von ihr vcrleugncten, durch die treueste und authentischste Uebcrliefernng verbürgten historischen Thatsachcn

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