Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1887-04-21 · Heft 15-16 (21.4.1887) · p. 245

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 15-16 (21.4.1887)
Article
Antisemitismus
Date
1887-04-21
Page
245 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2932754-2932755-2932771-2934880--24772-2934940
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

245 ... - Auch, der Antisemitismus Derjenigen, welche׳ ihre Abneigung gegen die Inden aus der allgemein hin-, gestellten.Behauptung unangenehmer Erfahrungen begründen, verstcigt sich in der Regel nicht aus der Welt des Gefühls in die des Gedankens. — — — Ich war einmal unfreiwilliger Zeuge folgenden Gespräches ״Der Antisemitismus widerstrebt mir. Diese fortgesetzten und so häufig in sich widerspruchsvollen Angriffe auf Mitmenschen, von welchen viele besser sein mögen, als ihre Gegner, empören mich." ״Sic kennen eben die Juden nicht. Waren Sie schon in Krakau? Haben Sie die Juden am Kazimicrz gesehen?" ״Nein, ich war nie in Krakau." ״Sind Sie nicht schon einmal in Lemberg durch die -Lange Gasse,' die Russische Gasse, die Scrvcngasse gegangen?" . ״Nein, ich war auch nie in Lemberg." ״So waren Sie überhaupt nie in Polen? Dann haben Sie auch daß Recht nicht, über die antisemitische Bewegung mitzuredem In Galizien, Russisch-Polen muß man die Juden gesehen haben. Dort, in dm Judcngasseu der großen Städte, in den. kleinen Indenncstcrn ans dem flachen Lande zeigt sich das Volk Israel in׳ seiner wahren, unverfälschten Gestalt. Glauben Sie mir, man lernt das Gruseln bei dem Anblicke dieses widerlichen Gesindels." - - Nach dieser Auffassung würde es also, um die Inden kennen zu lernen, genügen, einmal durch eine schmutzige Iudcngaffe gegangen zu sein und denjenigen Theil des jüdischen Volkes, welcher sich notorisch auf der niedrigsten Kulturstufe befindet, eines flüchtigen Blickes gewürdigt zn haben. Was würde man wohl dazn sagen, wenn Jemand den Charakter der Deutschen nach dem wüsten Treiben in den Motroscnvicrtcln HanibnrgS' benrtheilcn, den Mob in den Vorstädten Londons und die in Neapel ans den Kirchcntrcppen herumlungcrndcn Lazzaroni als typisch für den Charakter der Engländer und Italiener ansehcn wollte? UcbrigenS wird der ernste Beobachter auch in den alten düsteren Judcngasseu, in deren hohen Häusern die Jndenfamilien ״wie in einem römischen Kolumbarium.übercinandcrgcschirhtet" sitzen, mehr finden, als den so viel geschmähten und verlästerten - ״AnSwurf der Menschheit". Er wird über den Schmutz entsetzt sein, der ihm in unsagbaren Formen und Farben allenthalben entgegmstarrt; aber et wird sich sagen müssen, daß das Znsammenwohueu mehrerer an Allem nothleidender und nur kinderreicher Familien in einem und denisclben feuchten und engen Raume, in welchem gekocht, gearbeitet, geschlafen wird. Gesunde und Kraule dasselbe schlechte Lager mit einander Lycilen, Hausthiere und Kinder sich um den schlech't verwahrten,' dunstenden Ofen drängen, die Reinlichkeit fast gur llu*׳ Möglichkeit macht. Er wird über das aufdringliche Wesen der. Händler, welche, ihn auf der offenen Straßewie Wegelagerer überfallen, erschrecken und die Freche» ׳ mit derber Entrüstung von sich weisen; aber er:wirb;; wenn er erfährt, daß eben diese Händler keine eigene». Geschäftsräume besitzen, sondern zur Aufstellung ihres r WaarenkastcnS nur einen kleinen Raum in dem Geschästslokale eines größer»׳Kaufmanns gemicthct haben, und daß sie ihre Maaren nur an Personen verkaufen dürfen, welche sie selbst in das Lola( hincinzerrcn, eS begreifen, daß ein solcher Händler,, wenn er überhaupt leben und verdienen will, seine Kunden von der Straße : hcrholen muß. ES wird dem aufmerksamen Beobachter - nicht entgehen, daß unter den Juden ans dieser niedrige»' Knltnrstnpfe die Unempfindlichkeit deö Gewissens i» der schlauen und rücksichtslosen Ausbeutung der Unwissenhcit, der Leidenschaften und der Noth Anderer häufiger vorkommt, als bei den Nationen, unter welche» sie leben, aber er wird mit so mehr staunen, wenn ec wahrnimmt, daß cS mitten in dieser verkommenen Gesellschaft viele gute, edle und bis zur Selbst-I aufopserung rechtschaffene Menschen g.icbt. Er wird,׳ wenn er die Geschichte der Inden kennt und wenn er der tausendjährigen Verfolgung derselben durch die - christlichen Völker und Negierungen sich erinnert, aus. den hohlen Augen der bleichen, abgehärmten und ' abgezehrten Gestalten, die ihm begegnen, den erschütternden Vorwurf lesen: ״DaS habt ihr auö uns gcmacht", und wenn er nicht statt dcS Herzens einen - Stein im Busen trägt, so wird er sich der Beschämung ebenso wenig als der Rührung erwehren können. Der ' Jammer und das Elend dieser Annen wird sei» Mitleid erwecken; ihre rastlose Thätigkeit, ihre Genügsamkcit, Mäßigkeit, Nüchternheit wird ihm Achtung cinflößcn; ihr-inniges Familienleben wird ihn mit.' Bewunderung erfüllen, und er wird die Ucbcr.zengung ׳ gewinnen, daß das Zengniß, welches GregorovinS de» Juden im alten, seit 1847 aufgelassenen Ghetto Noms anöstcllt, auch auf die Juden in Len schmutzigen Winkeln und Gassen allüberall in der Welt Anwendung findet, daß sie nämlich ״reich sind an Menschlichkeit unter sich, daß der Wohlhabende dem Elenden gerne Hilst, daß der aufopfernde Familiengeist, das dauernde Erbe Israels, nirgends so mächtig und so wohlthätig sich zeigen möchte, als dort, und daß eö Thatsache ist, wie diese nüchternen und fleißigen Menschen selten um Verbrechen willen gestraftwerden".- Der Unterschied zwischen jenem. Antisemitismus,, der sich ans die Antipathie gegen die Inden beschränkt,', n.nd diesem, d<r den zum Haß entwickelten Assekt zur Voraussetzung hat, ist aber nicht mir ein quantitativer,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.