Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1887-04-21 · Heft 15-16 (21.4.1887) · p. 246

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 15-16 (21.4.1887)
Article
Antisemitismus
Date
1887-04-21
Page
246 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2932754-2932755-2932771-2934880--24773-2934941
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

246 indem jener gleichsam die diplomatischen Beziehungen zu den Juden abbricht, dieser mit klingendem Spiel und wehenden Fahnen gegen dieselben ins Feld ruckt, sondern auch ein qualitativer. An die Stelle des mit der Abneigung noch immer verbundenen Mitleids oder mindestens der Theilnahmslosigkcit tritt hier der kalt berechnende böse Wille, zu schaden, zu verderben, z» vernichten. Die Abneigung tritt noch aus den Grenzen der Sittlichkeit nicht heraus, die Bosheit durchbricht diese Schranken. Jene ist keine Tugend, diese ist ein Laster. Insofern bleibt eö sich dann auch gleich, ob sich der Judenhaß mehr als Rassenhaß. KonscssionShaß oder sozialer Haß darstellt,' obgleich in den verschiedenen antisemitischen Heerlagern auf die Spezialitäten dieses Hasses ein besonderes Gewicht gelegt wird. Die Einen addiren alle schlechten Eigenschaften aller schlechten Juden und nennen die Summe den Charakter der Nasse. Dann drehen sie den Spieß um und schließen aus dem Charakter der Nasse auf den Charakter der Einzelnen. Da nämlich Niemand, am allerwenigsten der'Jude, von den Charaktereigenschaften seiner Nasse sich zu befreien vermöge, so hasten auch den Vesten unter ihnen die schlechten Eigenschaften der Schlechtesten an. ״Ist cs. denn möglich," fragte ein antisemitischer Redner, ״einen ׳guten Juden von einem schlechten zu unterscheiden? Jnd' ist Jud'." Und so hassen und verfolgen.sie die Juden aus überlaufender eigener Sittlichkeit. Die Anderen hassen die Inden nur, weil sich'dieselben noch nicht zum Christcnthnme bekehrt haben, und rächen sich dafür,, daß die in erster Linie zum Heile Berufenen die Wahrheit nicht allnehmen. wollen, dadurch an ihnen, daß sie, wie der ״gelehrte" Rohling, die Luge, z. B. das mittelalterliche Märchen vom rituellen Mord, gegen ׳ sie ins Treffen schicken. Um Miß- Verständnissen vorzubengen, muß aber hicr -bemerkt werden, daß'die deutschen und britischen, katholischen und evangelischen Unternehmungen zur Bekehrung der Juden mit dein AnrisemitiSnwS nichts gemein haben. Diese wollen die Juden heranziehen, gewinnen, in ihrct Weise retten, aber nicht verderben. Cie stehen auf dem Boden der christlichen Liebe und nicht deö unchristlichen Hasses. Die semitische Nasse, welcher die Inden angehören, kommt für die betreffenden MissionSgesellschastcn gar nicht und um so weniger in Frage, als viele ihrer begeisterten Seudlinge und opferfreudigstcn Mitarbeiter selbst semitischen Ursprungs sind. Die Dritten endlich Haffen die Inden aus sozialen Beweggründen. Sie erklären das religiöse Moment für durchaus nebensächlich, erblicken aber in den bedrückten und verfolgten Inden eine Gefahr für das Eigenthum, den Wohlstand und die Freiheit der sie bedrückenden Völker, und hassen sie aus fürsorglichem Interesse für daö künftige materielle Wohl und die. Eigcnbcrcchtigung der indo-germanischen Nationen, ohne freilich zu ahnen oder zu bedenken, welch empörendes Armnthszcngniß sie dm letzteren und sich selbst damit anSstcllen. . Und nun schnrctteru die Trompeten; eö gilt dm Kampf gegen die Söhne Sem'S. Humanität, Moral, Christenthum, Logik — sind nichts. ״Hcpp, hepp" — ist Alles. ־ Eine herrliche Zeit! (Schluß folgt.) ' s-' Die KMMtt ZyWMr md Hre;Wischen Kßlltßen iN 17. Ichchindert.') Verboten war den Inden der Handel mit Büchern nicht. Sie hatten die neu aufkommende Waare ebenso in ihren GeschästSkreiS gezogen, wie die christlichen Kausleute, und wie ans diesen,, entwickelten sich nach und nach aus den mit Büchern handelnden Juden auch jüdische Buchhändler. Gab eS doch sogar, jüdische Druckereien; eine in OclS wurde 1536 durch Sturm verwüstet. Speziell in Frankfurt, von dem hier Hauptsächlich die-Rede ist, finden sich mehrfach jüdische Buch- Händler. So ließ der Jude Simon zum GembS in den Jahren 1578 sg. bei Ambrosius. Froben in Basel den Talmud drucken, wie eö scheint, sogar als Vertreter einer jüdischen BerlagSgcnossenschast. (Vergl. H. Pallmann, Ambrosius groben von Basel als Drucker des Talmud. Im Archiv VIII, 44 — 61.) — In der Natur der Sache lag cs, daß die jüdischen Buchhändler sich auf Vertag und Vertrieb jüdischer Literatur!egten, für die sie ja bc! ihren Glaubensgenossen ein fruchtbares Feld der Thätiglcit fanden. In Frankfurt .war es 1614 den Inden ausdrücklich verboten worden, mit eingebundenen Büchern zu handeln — implizite ein Beweis, daß ihnen der Buchhandel an sich nicht verboten sein konnte. Aber -mit der -Zeit scheint diese Bestimmung, jedenfalls auch wegenGcidbedürfrigkcit mancher christlichcn Buchhändler, in Vergessenheit gcrathcn zu sein. Am 19. September 1686 richteten die Srauffiirtcr Buchhändler eine Eingabe an daS Vücherkommissariat, ') Geschichte des deruschen Blichhauöels bis in dad sieb׳ zehnte Jahrhundert. Bon Friedrich Kapp. Aus dem Nachlasse deö BerjasscrS heraiiögegeben von btt historischLN Kommission des BörsenvereinS der deutschen Buchhändler. (Anm. von F. Herm. Meyer.) י ׳

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.