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Jeschurun · 1887-04-21 · Heft 15-16 (21.4.1887) · p. 244

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 15-16 (21.4.1887)
Article
Antisemitismus
Date
1887-04-21
Page
244 (sequence 2)
Language
German
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244 liche Leben nicht brauchbar, ein kurioser Heiliger, ein Sonderling, oder, wenn man anders nicht mit ihm fertig werden kann, ein Korruptionist. Man lese nur einmal eine antisemitische Zeitschrift, man höre einen antisemitischen Redner. Ob da von Petroleum oder von Getreidezöllen, von Viehseuchen oder Zuckcrstcuer, von Eisenbahnen oder von der Schulpflicht geschrieben oder; gesprochen wird, jeder Gegenstand wird unter dem Gesichtswinkel des Judenhasses betrachtet, und der Zeitungsartikel oder die Rede läuft zuletzt immer nur auf eine Philippika hinaus, bald gegen das ״jüdische Kapital" und gegen die ״verjudetr Presse", bald gegen die ״jüdischen Advokaten und Aerzte", gegen die ״jüdische Korruption" und gegen den ״gemeinschädlichen jüdischen Stamm". Wagt eS aber Jemcmd, dem Geßlerhute der antisemitischen Phrase den Respekt zu verweigern und in aller Bescheidenheit zu bemerken, daß cS, wie ehrliche und unehrliche Christen, auch ehrliche nnd nnehrliche Juden gicbt, daß man die Fehler des Einzelnen nicht generalisiren dürfe, daß man .auch im Juden den Menschen achten müsse, so wird eine ganze' Sündfluth von Hohn und Spott,׳Schimpf und Schande über ihn ausgegossen. Man ist dann gleich kein achter deutscher Mann mehr, man ist ein Verräthcr an seiner nationalen Pflicht und Ehre', man hat keinen Begriff von den politischen und Kulturaufgaben des deutschen Volkes, man ist von den Juden gekauft, ein Judas ifnb ein Ehrenjnde, oder man versteht die Judenfrage nicht. Diese antisemitischen Bannbullen und Exkommunikatioucn treffen, was in der Natur der Sache liegt, fast die ganze gebildete Welt. Seltsamerweise schleudern aber die einzelnen antisemitischen Parteien ihre gistgetränkten Pfeile auch einander zu. Ist doch beispielsweise der Antisemitismus Stöckers vor dem Tribunal des Antisemitismus Dührings nur ein ״sogenannter", ein ״kläglicher", ein" ״Pseudo-AntisemitiSmus", der ״bei gesunden und ansrichtigen Naturen nur Ekel erregt", eine ״Scheiugattung von Antijudik". Hieraus erklärt sich denn auch, daß, wenn der Antisemitismus vor die Frage nach seinem Begriffe gestellt wird, die Antwort, je nachdem man sich an diese oder jene antisemitische Gruppe wendet, jedesmal eine andere ist. Nur der unrichtig gewählte Gattungöname ist ihnen gemeinsam. Sie nennen sich Antisemiten, haben es aber nicht mit den semitischen Völkern überhaupt, sondern nur mit dem semitischen Volköstamme der Juden zu thun.׳ Warum sie sich nicht lieber Anti-Juden nennen? Freilich, das seltenere Wort klingt nach mehr, steht gut und kostet nichts. So ungefähr dachte aber der Jude Isaak Leib auch, als er es vorzog, sich James Lyons zu nennen.- Ernst zu nehmen ist der' Antisemitismus erst bei Denjenigen, für welche er als Abneigung, als LrstU pathie gegen die' Inden ' zur Gefühlssachegeworden'.ist.' Die Ursache dieser Abneigungist.,bei bcu.J<5fnc1t iii mangelhafter Erziehung, bei Änderen ln einzelnen un* angenehmen, mit Juden gemachteü Erfahrungen/wiedeL bei Anderen nur. in dem Umstande zu suchen, daß sie immer nur den schlechtesten Theil der jüdischen Gesellschast gesehen und kennen gelernt haben. ' .יי.-"." .׳ Der kleine Haumbal, ,׳ welcher, schon als. neunjähriger Knabe seinem Vater hatte schwören müssen, die Römer zu hassen, mußte sich unter solcher Leitung später zum Erzfeinde des römischen Reiches entwickeln, auch wenn ihn die Verhältnisse nicht dazu gemacht hatten, und der Christenknabe, welcher, kaum der Amme entwachsen, mit dem langbärtigen Juden geschreckt wird, der die unartigen Kinder in den großen Sack. thue und forttrage — der Lehrling, welcher seinen dem Trünke'ergebenen nnd von Gläubigern.hart bedrängten Meister nur immer erzählen hört,' wie er ein reicher Mann sein könnte, wenn ihn die Juden nicht betrogen nnd bestohlen hätten, bringen, ohne.daß sie vielleicht' jemals mit Luden näher bekannt geworden wären oder über, die Eigenschaften der Juden nachgckacht hätten, die Abneigung gegen den jüdischen Volksstamm mit in ihr späteres Leben, in ihr öffentliches Wirken. Und' was leisten nicht in der Erzeugung solcher Abneigung' jene gewissenlosen Lehrer,' welche ihre Feindschaft gegen die Juden, aller Pädagogik znm Hohn, mit in die Schnlstnbe nehmen! Wie demoralisircnd wirkt eS nicht auf die ganze Klasse, wenn ein jüdischer Schüler, der eine unrichtige Antwort gegeben.hat, vom Lehrer' in jüdelndem Tone verspottet wird. Eine witzelnde ' Bemerkung, welche der Professor der Geschichte in bcr; Erzählung von der Zerstörung Jerusalems durch Titus über die Juden macht, sitzt fester als die Charakter-'', schkldcrnng des Eroberers nnd als die Erklärung. ' wodurch sich bcr nachmalige.Kaiser den Beinamen. amor ct dcliciao gencris humani erworben hat. Vesser als die wichtigsten Partien der Literaturgeschichte bleiben die von der Autonrät des Lehrers getragenen abfälligen Bemerkungen desselben über die aus dem Judmthnm. hcrvorgegangenen deutschen Dichter im Gedächtnisse der Schüler hasten. Ohne Weltkenntnis; und Erfahrung, ohne jede schwärmerische Liebe für das Ideale und ohne jene durch sich beglückende, weltumfassende Vegeisterung, welche sonst das 'köstlichste Angebinde der goldenen Jugend ist, werfen sich diese altklugen Pennälcr dann in die Brust, zupfen an ihrem imaginären. Barte und sind, ohne sich erst die überflüssige Mühe zn geben, über das Warum nachzndcnken, stolz daraus, daß sie, wenn auch noch nicht Doktoren, Professoren,' Hofräthe, Minister — doch etwasind, nämlich Anti« semiten, und daß sie die Inden nicht leiten können.

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