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Jeschurun · 1887-04-21 · Heft 15-16 (21.4.1887) · p. 235

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 15-16 (21.4.1887)
Article
Das neueste Manifest der Reform
Date
1887-04-21
Page
235 (sequence 3)
Language
German
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285 werden sich ihm sicherlich anschließen. Wir glauben nur, daß er ans gewissen Rücksichten, die freilich ein Mann von so hohem prophetischen Geiste nicht kennen sollte, das volle Bild der von ihm geschauten Zukunft nicht entschleiert hat. Wir vermessen uns nicht, uns einem Manne wie Emil Lehmann an die Seite zu stellen; uns fehlt der weite Blick und der ideale reforniistischc GeisteSsing. Was uns tief unter ihm stehenden beschränkten Orthodoxen aber als der Zukunft Gestaltnng vor die Augen tritt, das sollte ihm, dem auf hoher Resorinwarte Stehenden, verborgen sein?? Wir halten das prophetische Gesicht LchmannS nicht nur für wahr, insofern er sich und die ״Deutsch-jüdische Reformpartci" dabei im Auge hat, sondern sind auch der Meinung, daß die ״Deutsch jüdische Rcsormpartci" bei fortschreitender Entwickelung ihres Programms ganz gewiß bei dem Ta׳ cken anlangen wird. DaS Indenthum haben sie 1 Bord geworfen, und mit den spärlichen, nach Wlvlür und Laune aus demselben noch ziirückbchattcncn Moralsätzcn läßt , sich auf die Dauer ihr Schifflein nicht durch die brandenden Wogen des Lebens leiten. Wozu sollten ihre Angehörigen irgend welches Opfer für ihr Nichtchristscin bringen? Warum sollten die Söhne nicht vollenden, wo die Vater zag- Haft stehen geblieben? Einen Stillstand gicbt cs nicht in der Entwickelung der Zeiten. DaS Alte fällt und das Neue taucht siegreich aus der wogenden Flnth empor. Haben die VKtcr nicht den Ballast, mit welchem ihre einfältigen Ahnen ihr Gefährt unkluger Weise belastet, über Bord gestürzt, warum sollten wir diesem Beispiele nicht folg? Hat doch der große Ncforruator Emil Lehman in seinen Tagen das erlösende Werk des gänzlichen Bruches mit der Vergangenheit vollbracht, so handeln wir ganz in seinem Sinne, wenn wir auch die letzte Schranke niederreißcn, die er in der beschränkten Anschauung seiner Zeit noch stehen gelassen. Soll und darf die Tanse m!S als ein Hinderuiß gelten, sollen wir noch ferner uns als gesonderte Neligionsgenosscuschaft betrachten und fühlen?? — So werden die fortgeschrittenen Söhne der heutigen ״Deutschjüdischen Partei" sprechen — und sie haben ihren Vätern gegenüber durchaus das Recht zu einer solchen Sprache — und aushörcn Nichtchristen zu sein, wie ihre Väter — Lehmann au der Spitze — aufgehört haben, Bekenner dcS JudenthumS zu sein. Uns, die wir nicht zu der von Lehmann hoch gepriesenen ״Deutsch. Jsraetilischni Partei" zählen, wurde im Grunde diese Lehmanu'sche Weissagung und Schilderung, mit welcher er die ״Jndcnfragc" zu lösen beabsichtigt, wenig zn kümmern haben, wenn Herr Lehmann nicht eine so hcrvorra-״״!dc Stellung in der-Geschichte der Gegenwart als H., Megründer dcö deutsch-israelitischc-n GemeindebnudeS einnehmen würde. Außerdem aber spielen die orthodoxen Juden und das orthodoxe Judenthum in seinem Pamphlete die bencidenSwerthe Rolle des Prügelknaben, der einer öffentlichen AuSpeitschung unterzogen wird. Und namentlich ist cö ״die jüdische Neuorthodoxie in jenen streitbaren Naturen, die nicht still und bescheiden dem alten Vaterbrauche leben, sondern die sich damit brüsten, die, kampfbereit und fchdesüchtig, die freie Richtung angrcifen und verketzern." Diese bösen ״Ncuorthodoxen" erregen seinen heiligen Grimm. Haben doch ״diese jüdischen Heißsporne eS bereits in Preußen dahin gebracht, den Gemeindefrieden, die Einheit der Religionsgemeinde zn gefährden und zu zerstören. Durch das Austrittsgesetz, wonach jeder Jude, aus religiösen Bedenken, wie eS darin heißt, seiner Gerneinde den Rücken kehren kann. und doch Jude bleibt." Ja, nicht genug damit, nicht genug, daß ״für die orthodoxen Eiferer", über welche Lehmann, der hier als Prophet der Reform anftritt, die Hände znsammenschlägt und klagt, daß für sie ״der Väterspruch: al tifrosch min liazibur — trenne Dich nicht von der Gemeinde — eine Geltung, hat," hat er gegen sie noch folgende schreckliche Anklage zn erheben: ״An der Hand dieses, unter Vorspiegelung der Glaubensfreiheit erschlich enen GesetzeS bilden die Neu orthodoxen Sondcrgcmeinden, errichten sie orthodox-jüdische Gottesäcker. . 1111 b diese Nenorthodoxie hat jetzt wieder den LrennungSsüchtigen Gedanken auSgeklügelt, alle strenggläubigen Juden in Deutschland zu einer-Bereinigung zusammen zu fassen, gerichtet natürlich, gegen die freisinnigen Inden. Wer nicht .auf ihrenheiligen Schnlchan Arnch schwört,' gilt ihnen für keinen GianbenSgenoffen. Sie meiden seinen Umgang, die Verschwägerung mit ihm, beschränken ihre Licbeöthaten auf Genossen ihrer Richtung. ES ist der wiedererweckte Fanatismus des Mittelalters. Dem christlich-sozialen sieht der jüdisch-soziale ZrlotisnmS ebendürtig zur Seite." Der Prophet der Reform verwandelt sich hier in den Anwalt derselben, welcher den Gegner mit Schmähungen überhäuft und nur den einzigen Zweck versotgt, dessen. Vernrthcilung herbcizuführen. Es kümmert ihn wenig, ob die von ihm vorgebrachten Momente dcr wirklichen Sachlage entsprechen, genug, wenn das Tribunal den Gegner verdammt. Freilich nimmt nicht jeder Anwalt ein solches Mandat an. ES giebt Anwälte, die eS unter ihrer Würde erachten, auf Kosten der Gerechtigkeit und Wahrheit für ihren Klienten ein obsiegendes. Erkenntnis; zu erringen. Doch das ist eigenste Sache des Herrn Lehmann. Uns aber dürste es wohl zu stehen, dieser die Wahrheit

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