Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 15-16 (21.4.1887)
- Article
- Das neueste Manifest der Reform
- Date
- 1887-04-21
- Page
- 234 (sequence 2)
- Language
- German
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234 haben, und ebenso wird er es als eine verfrühte unddarum übel angebrachte Offenherzigkeit tadeln, daß Emil Lehmann jetzt schon mit dem wahren Programm der ״Deutsch-jüdischen Ncformpartei" hervortritt. Das wäre erst an der Zeit, nachdem bereits die dreifache Anzahl der'Gemeinden sich dem Bunde angeschlossen, und derselbe die angeftrebte Herrschaft über die deutsche . Judenheit thotsächlich angetreten haben wird. So lange man aber noch um das Mandat der Gemeinden buhlen muß, ist die bislang kluger Weise geübte Zurück- Haltung und Mäßigung die beste Strategie. So lange ist es angczeigt, mit dem bisherigen Apparate: Beschicknng aller israelitischen Lehrerversammlungen, Veranlassung von Rabbiner- und Schulmännerkongressen, Vertragsabschlüssen für Lebensversicherungen, Anfertigung von Religionsschul-Lehrplänen, statistischen Er- Hebungen, Gewährung von Subventionen, Herausgabe einer Zeitschrift, Abhaltung von Bundesversammlungen u. s. w. u.4 w. zu arbeiten. . Herr Lehmann aber, welcher der Gründung des Deutsch-Israelitischen GemeindebundcS seinerzeit mit seinem Prouunziamcnto ״Höre Israel!" Gevatter gestanden, war im Lauft der Zeit ungeduldig geworden; die vorsichtige, langsame, aber stetig verfolgte Politik widerte ihn endlich an. Warum sich ewig in Fausts ehrwürdigen Talar hüllen und der treuherzigen Einfalt mit wichtiger Miene Rede zu stehen und Antworten zu ertheilen, die in gläubigem Sinne hin genommen, aber von dem Antwortgcber selber als eitclc Phrase betrachtet werden? Schon lange genug dauert dieses Spiel. ״Ich bin des trocknen Tons nun satt, muß wieder recht den Teufel spielen", dachte er, und in acht mephistophelischer Laune schreibt er dem auf neue Offenbarungen aus seinem Munde harrenden Schüler das Dogma der Reform ins Stanunbnch: Eritis sicut Deus, scientes bonura et malura! In der That ist daß Prinzip der ״Deutsch-jüdischen Ncformpartci" nicht treffender zu zeichnen, als in diesem Satze, von welchem Mephistopheles sehr richtig meint: ״Folg' nur dem alten Spruch und meiner Muhme, der Schlange — Dir wird gewiß einmal bei deiner Göttcrähnlichkcit bange." WaS ist eS denn anders, als eitle Selbstvergötternng, welche sich heransnimmt, die Offenbarung am Sinai als ein Ammenmärchen geringschätzig zu leugnen und bei Seite zu schieben und ein paar armselige Sätze als Religion der Juden, als Judcnthum auSzurufen? Der Herostratenruhm dcS alten David Friedländer mit seinem Sendschreiben an den Probst Teller im Jahre 1793 hat Emil Lehmann nicht ruhen lasten. Eö gelüstete ihm, auch etwas Großes , zur Ehre der Reform zu vollbringen. So sehr imponirte ihm die Größe dieses Heroen der Reform, daß er sich ihn. ganz zum Vorbild erwählte und nach 94 Jahren eine den äußeren Verhältnissen eines andern Jahrhunderts angepaßte neue Auflage des Friedländer'schen SendschreibenS unter dem Titel ״Die Juden jetzt und einst" unter eigenem verantwortlichen Namen veranstaltete. David Friedländcr war ein Feind des Indenthums. Er erblickte in dem jüdischen Gesetze das Hinderniß für die Ebenbürtigkeit der Juden mit ihren christlichen Mitbürgern. Die Inden, so behauptete er, hatten die Pflicht, sich von diesem Gesetze zu befreien, d. h. sich von ihm loSzusagcn, und er erklärte sich im Namen der jüdischen Hanövätcr bereit, um die Vollberechtigung als Staatsbürger zu erlangen, auch das äußere Zeichen dcS Eintritts in das Christenthum, die Taufe, anzunehmen. Sein Epigone Emil Lehmann ist ebenfalls ein Verächter des Jndenthums und erblickt in demselben Ueberreste aus altheidnischer Zeit. Er fordert die' gänzliche Abrogirung des Gesetzes. Da ihm und der von ihm repräsentirten ״Deutsch-jüdischen Ncformpartei" ״Bibel und Talmud nur wcrthvolle Literaturschätze, nicht nnschlbare Grundsätze sind, lehnt die Reformpartei ab: a. alles asiatische und orientalische Gebrauchthum; b. die hebräische Sprache als Gebersprache, wie als Zweig des Religionsunterrichts; e. die Zeitrechnung nach den Mondjahren; d. die chauvinistische Betonung der Erwählung Israels; e. die bisherige Art der Sabbath- und F'cstfcicr, durch Verlegung der׳ selben auf die — zu bürgerlichcn gewordenen — christlichen Sonn- und Festtage; k. die Beschneidung, aber auch die Taufe." Er ist seiner Sache ebenso gewiß wie sein großes Vorbild Friedländcr. welcher im Jahre 1792 weissagte, daß ״in zehn Jahren" — also bis 1802 — ״in Berlin Niemand mehr wissen wird, was das für ein Ding ist: ,Chomez, das über Pcßach hinaus liegen geblieben i!t‘, oder was ,eine angcwachscne Lunge* ist und AehnlicheS zu Hunderten und Tausenden; — was in Berlin in zehn Jahren geschieht, muß in Gtogau in fünfzehn statthaben, und in BreSlan und in Königsberg und in Hamburg und in Amsterdam." Emil Lehmann prophezeit dagegen im Jahre 1887 wie folgt: ״Es wird eine. Zeit kommen, da wird der Jude sein Passahfest — wenn imch ohne ungesäuerte Brode — Ostern feiern, sein Wochmsest am Pfingsten, sein Neujahr am 1. Januar, sein Versöhnungssest am Bußtag, sein Erntefest am entsprechenden Sonntag, sein Weihefest am Weihnachten." Herr Lehmann hat gewiß seine wohlberechtigten Gründe für diese Weissagung. Ohne Zweifel ist dieselbe bereits bei ihm zur- Wahrheit geworden, und seine Genossen, die ״Deutsch-jüdische Reformpartei",