Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 14-15 (7.4.1887)
- Article
- Unsere Seminarien
- Date
- 1887-04-07
- Page
- 220 (sequence 3)
- Language
- German
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220 theoretisches pädagogisches Wissen allein nichts taugt, sondern daß die Praxis dem theoretischen Wissen erst die rechte Weihe geben muß. Dieser Lehrer hatte nämlich in seiner Pädagogik ganz richtig gelernt, man solle beim Unterricht vom Bekannten auSgehen und in lückenlosem Fortschritte zu den: Unbekannten mcttcr^ fahren. Den Begriff des ״Bekannten" hatte er sich aber dabei so eng gedacht, daß er den Ort der Schüler' nur als bekannt allnahm. Auf die vollständig derkehrte Fragestellung dieses Lehrers will ich nicht eingehen, aber die Art und Weise, wie er die Stunde schloß, indem er diese Disposition anschrieb, leistet denn doch das Unmöglichste; so-etwas bei Kindern von acht bis neun Jahren zu versuchen, ist doch mehr als Unsinn. Natürlich denke ich nicht daran, diesen Lehrer als Prototyp .deö jüdischen Lehrers hinzustellen, im Gegenthcil, ich bin davon überzeugt und weiß es sogar, daß eS sehr viele gute, tüchtige und strebsame jüdische Lehrer giebt. Ich habe das Beispiel nur angeführt, um an demselben zu zeigen, zu welchen Thorheiten eine mißverstandene Theorie führen kann, wenn sie. nicht im Lichte der Praxis geklärt ist. Dies führt mich zur Hauptforderung, die man an den Bildner zukünftiger Lehrer zu stellen hat: daß er selbst praktischer Schulmann sein muß. Unter einem praktischen Schulmann verstehe ich dabei nicht, daß er vielleicht einige Jahre lang irgendwo ein paar JrcligionSstnuden gegeben hat, oder daß er in einem vornehmen Hanse einmal Hauslehrer gewesen ist, sondern daß er selbst das Unterrichten unter einem tüchtigen Direktor gelernt und später in: Klassenunterrichte selbst geübt hat. Hier lernt man, wie Disziplin zu halten und wie die Aufmerksamkeit der Kinder zu erregen ist. — DaS DiSziplinhalten ist überhaupt ein wunder Punkt bei sehr vielen Lehrern. Manche lernen nie, solche zu halten, aus dem einfachen Grunde, weil sie nie selbst gelehrt worden sind, worauf cs dabei ankommt. Und doch ist eine gute Disziplin die uncrläßliche Vorbedingung für einen Erfolg des Klassen- Unterrichts. Ohne ordentliche Disziplin ist der beste Unterricht beinahe wcrthloS, indem in diesem Falle eine große Anzahl der Schüler nicht Acht giebt und auf .׳das nicht hört, was der Lehrer sagt. — Manche unserer Rabbiner, die nebenbei noch als Lehrer thätig sind, glauben längst über diese Dinge hinaus zu sein, sind aber dabei nicht im Stande, auch nur die geringste Disziplin zu halten. So habe ich zufällig dieses Jahr zwei dieser Herren kennen gelernt, die sich sehr viel ans ihre pädagogische Tüchtigkeit einbitden (einer davon schreibt sogar hin und wiederüber Lehrerbildung), welche aber in ihren eigenen Stunden auch nicht im Entferntesten Ordnung aufrecht zu erhalten verstehen. Ja, von zwei Seminardirektoren, die aber jetzt todt sind, weiß ich, daß sie auf Disziplin gar keinen Werth legten und natürlich auch keine aufrecht erhalten konnten, so daß z. B. bei dem einen, wenn er in die Volksschule ging, um zu üntcrrichten, einige Seminaristen mitgehcn mußten, um ans Ordnung rn sehen. Versteht eS der Lehrer, ordentliclst Disziplin zu halten, so handelt cs sich weiter für ihn darum, daß er seinen Schülern etwas Tüchtiges bcibringt. -Kaum einem Menschen ist es gegeben, ohne vorherige systemalische Anleitung im Klassenunterricht nennenSwcrthe Erfolge zu. erzielen. Wenn die thcorctischpädagogischcn Kenntnisse auch einen davon abhalten, veraltete und unbrauchbare Methoden anzuwenden, und wenn der angehende. Lehrer selbst theoretisch die neueste Methode kennt, so wird er sie im'Allgemeinen nicht in der Praxis anzuordnen verstehen, wenn ihn: nicht gezeigt worden ist, wie!׳.!an dieses!nacht, und er selbst nicht wieder und immer wieder unter Leitung eines tüchtigen Lehrers versucht hat, selbst zu unterrichten, wobei er ans die Mängel seines Unterrichts aufmerksam gemacht und ihm deren Abhülse gezeigt wurde. So etwas kann nur in einer Sennnar-UebnngSschnle geschehen, und nicht alle unsere Seminarien erfreuen sich einer solchen. Auch in dieser Beziehung können wir von den 'christlichen Schulen vieles lernen. Bei den christlichen Volksschulen hört!nun sehr wenig über die.pädagogische Ungeschicklichkeit der Lehrer klagen, weit diese in den Seminarien eine Vorbildung erhalten, wie ich sie eben andentete. Dagegen hört man um so größere Klagen über die angehenden akademischen Lehrer.' Die lieber־ Duröiingsfrage ist z. B. beinahe auf dem Gebiete des höheren Schulwesens zur pädagogischen Secschlange geworden. Theoretisch sind die akademischen Lehrer in der Pädagogik vorgebildct, allein die Anleitung. zur Praxis fehlt ihnen. Deshalb hat man mit großem Erfolge' Seminarien für diese Lehrer-' eingerichtet (an den Gymnasien zu Gießen und Halle), wo sie unter Leitung der betreffenden Direktoren das Unterrichten erlernen und üben.. Wenn nian von jedem Lehrer solche Dinge voraussetzen und verlangen muß, um wie viel mehr sind sie von Lehrcrbilduern zu fordern! Unsere Lehrer müssen für ihren Berns noch., viel besser vorgebildct werden als ihre christlichen Kollegen,!veil sie an ihre Schüler viel größere Forderungen stellen müssen als die christlichen Volksschulen. ,Denn neben den Fächern der christlichen Volksschule muß die jüdische Schule noch die nicht leichte hebräische Sprache lehren. Damit also die Kinder durch die relativ sehr bedeutenden Anforderungen nicht erdrückt werden, muß der jüdische Lehrer praktisch sehr tüchtig und leistnngsfähig sein. ־ ־ ' ' י V ' ' ' '