Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1887-04-07 · Heft 14-15 (7.4.1887) · p. 219

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 14-15 (7.4.1887)
Article
Unsere Seminarien
Date
1887-04-07
Page
219 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2932754-2932755-2932770-2934791--24704-2934843
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

in der großen Mehrzahl der Fälle eine Aenderung eintreten lassen. Sie nehmen heute als Leiter solcher Anstalten Praktisch geschulte Männer, die selbst früher unterrichtet haben und aus eigener Erfahrung wissen, wie man unterrichtet. ES ist dies auch ganz natürlich. Daö rabbinischtheologische Studium und der praktische Lehrerberuf sind zwei verschiedene Dinge. Der eine setzt tiefe theoretische Kenntnisse voraus, das Beherrschen eines großen Wissensgebietes, bei dem eö sich hauptsächlich nm das Durchdriugen eines gegebenen Stoffes handelt, der einmal feststcht, und der zu analysiren, Zu erläutern und zu erklären ist. Der Lchrerbcruf dagegen hat zur Bedingung, daß mau es versteht, sich in die Individualität dcS Kindes zu versetzen,, sein Denken dem des Kindes anznpasscn, induktiv Ideen bei dem Kinde anzurcgen, um diese dann zu erweitern und zu befestigen. Dieser Beruf erfordert ein eigenes Studium. Vor Allen: muß der Lehrer ein bestimmtes Wissensgebiet genau kennen, damit er seinen Stoff Übersicht. Diese Thatsache allein setzt ihn aber noch lauge nicht in den Stand, Anderen Kenntnisse beiznbringcn. Dazu bedarf er noch einer besonderen theoretischen wie praktischen Vorbildung. Besonders die Geschichte der Pädagogik ist in dieser Beziehung sehr schätzcnswerth. Denn diese lehrt uns, welche Erfolge bis jetzt mit dieser Methodik erzielt wurden; sie!!:acht und auf Mißgriffe aufmerksam, die dieser oder jener Methodiker beging, und welche wir deshalb'vermeiden können. Ohne die Geschichte der Pädagogik würden wir bei dieser so eminent praktischen Wissenschaft sehr lange im Finstern hcrumtappcn und eö vielleicht nie zu etwas Rechtem bringen; ja, wir werden die Kinder, welche uns anvertrant wurden, um sie zu bilden, zu Objekten unserer Experimente machen. Daneben muß der Lehrer mit der Methode der verschiedenen Gegenstände, sowie mit der Psychologie vertraut sein. Diese Letztere wird ihn in den Stand setzen, sich die Vorgänge im kindlichen Gehirne klar zu machen; er wird cinsehcu, wie die Gedanken beidem Kinde entstehen, wie sie sich erweitern und ansbreiten. Er wird dann in seinem Unterrichte dem. kindlichen Gehirne, das von vornherein so cindruckö-: und bildungsfähig ist, nicht zu viel zumuttzen, damit cs: nicht durch die Unmenge des eindringcndcn Stoffes ab< geschreckt und abgestumpft werde. In viel höherem Maße als der Lehrer muß der׳ Lehrerbildner,, der Scminardirektor, mit diesen Gegen--, ständen vertrant sein und sie beherrschen. Aber grau ist alte Theorie, und die Praxis ist das Leben. Diese theoretischen Kenntnisse allein helfen dem Lehrer noch nicht, er muß gelernt Haben, das ,,Kennen" in ein ״Können" umzusetzen. In dieser Beziehung!atm ich aus meiner Er¬ 219_ fahrung ein Beispiel zum besten geben, das mehr besagt als seitenlange theoretische Erörterungen. Ich hatte Gelegenheit, im Sommer dieses Jahres der Probelektion eines Lehrers bcizuwohncn, welche ' derselbe bei Kindern im dritten Schuljahre abhielt. Ec sollte darin das bekannte Lesestück ״Die Hunde auf dem St. Bernhard" behandeln, und diese Aufgabe war ihm tagSvorher mitgctheilt worden, so daß er vollauf Gelegcnheit hatte, sich hinreichend vorznbcrciten. Er fing damit an: ״An welchem Flusse liegt £. *?״ Schüler: ״An der A." Lehrer: ״Wie fließen die Flüsse?" Allgemeines Erstaunen bei den Schülern. Er sagte ihnen also, alle Flüsse bewegen sich bergabwärts und wollte so durch Fragen herausbringen, daß Norddcutschland Tiefland sei. Hierauf sagte er: ״Deutschland theilt man ein in die norddeutsche Tiefebene, in das mitteldeutsche Hochland und das süddänische Alpcnland." Auf den Einwand eines anwesenden Lehrers, daß die Schüler noch keine Geographie gehabt hätten, meinte er bezeichnenderweise: ״Nun, dann sage ich eö ihnen ja, dann wissen sie eö (816)'!" Nach Erörternngen, die eine halbe Stunde lang gedauert hatten, war er endlich in der Schweiz angerommen und fuhr dann fort:" In der Schweiz liegt ein Berg, der heißt St. Bernhard." Uebcr den Begriff des Berges sägte er den Kindern nichts, obgleich er wissen mußte, daß der Begriff des Berges den Kindern nicht' besonders klm׳ sein konnte, weil in der Nähe der betreffenden Stadt kaum ein Hügel, geschweige denn ein Berg sich befindet. .Er las dann das Lesestnck vor und ließ eS von einem Schüler Nachlesen. Von einer Wortcrklärnng war keine Rede, obgleich sehr schwierige und für die Kinder fremde Worte ' vorkamen. Um nicht zu sehr in die Breite zu gehen, will ich alle die nnnützen imb zum Theit komischen Fragen, die er stellte, nicht anführen und nur noch bemerken, daß erzürn Schlüsse sagte: ״Jetzt, liebe Kinder, nachdem wir das Stück gelesen haben, wollen wir die Disposition aus unserer Betrachtung ziehen," und nun schrieb er das Folgende an die Tafel, ohne auch nur die Kinder änzuschen, für die natürlich dieses die reiusten Hyroglyphcn waren: I. Bodcnbeschaffenheit: a. norddeutsches Tiefland; b. deutsches Mittelgebirge; c. süddeutsches Alpenland. If. Hebet die Mönche: a. gut: b. sie verachten 'die Gemiithlichkcit; 6. sie setzen sich selbst Gefahre!: ans, nm Andere zu retten. III. Hunde: a. treu; b. klug; e. dankbar ihrem WohlLhäter. Dieser Lehrer,!nutz ich hinzufügen, hatte im Abgangszeugniß des Seminars in Pädagogik die Note gut oder sehr gut, zwischen beiden will ich die Wahl haben, und wurde von dem' Rabbiner seines Ortes als sehr guter Lehrer geschildert. — Ich würde das Ganze nicht angeführt haben,"wenn nicht diese Probelektion ein Beweismittel'dafür' abgäbe, daß' ein 'rein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.