Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 14-15 (7.4.1887)
- Article
- Drei Peßach
- Date
- 1887-04-07
- Page
- 210 (sequence 2)
- Language
- German
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210 geben, diesen Ursprung unserer Selbstständigkeit zu vergegenwärtigen und ihn in allen seinen Konsequenzen zu beherzigen, nicht als eine historische Reminiszenz, sondern a!s uns für den Dienst Gottes auf ewig verpflichtendes unser ganzes Wesen erfüllendes Bewußtsein. Und die Hagada hatte auf die großen Meister hingewiesen, welche in diesem Sinne sich in der Peßachnacht zusammengesunden hatten, — da unterbricht sie sich und ruft ברוך המקום, Gott sei gepriesen! Er ist המקום, der feste Hort in jeglichem Wandel der Zeiten, die einzige Stütze für alte Gestaltungen, Preis Ihm, daß Er uns, ״Seinem Volke" das Heiligthum der Menschheit, die Thora, gegeben. Wir haben keinen andern Berns als sie durch unverbrüchlichem Gehorsam im Kreise der Sterblichen zum lebendigen Ausdruck zu bringen. Es giebt keine Zeit und kein israelitisches Geschlecht, welches sich dieser Aufgabe entziehen könnte. Wenn alle Menschen die Herrschaft Gottes anzuerkenncn haben, so keiner mehr als wir, die wir in der harten Schule der Knechtschaft die Allmacht Gottes und seine Liebe an uns erfahren und gelernt haben, daß Er המקום ist, der allmächtige Gott ist, welcher des mächtigsten Menschen Gewalt ein Halt zuruft und dem Elend des verlorensten und ohnmächtigsten Erdensohnes ein Ende zu bereiten weiß, ״der vom Staube dem Gesunkenen ansrichtet, vom Düngerhaufen den Wehrlosen hebt, .ihn zu setzen neben. Fürsten". Er ist der alle Zeiten vorschaucnde Gott. Sein Wort ist ewig und nicht begrenzt durch Zeit und Raum. Das Gesetz, welches Er gegeben, ist nicht an Zeit'und Umstände geknüpft. Es ist berufen, der Menschheit das Hei!, nach welchem sie vergeblich ans anderen Wegen nachjagt, zu bringen. Es will zunächst den von Gott zum Priester erkorenen Volkskreis sich uuterthänig machen, den Menschenstamm, den Er ״seinen Erstgeborenen" nannte, den Ersten, welcher Seiner Herrschaft in Wahrheit durch den unbedingtesten Gehorsam in jeder Minute seines Daseins huldigt. Wer wagt die wahnsinnige Vermessenheit, Gott המקום, gegenüber zu wähnen: Er habe die kommenden Zeiten bei Kundgebung Seines Gesetzes nicht zu berücksichtigen verstanden, Er sei nicht in! Stande gewesen, die künftigen Entwickelungen zu überschauen, — Sein Gesetz erheische deshalb eine Veränderung durch der blöden Staubgeborenen Weisheit?? . כנגד ארבעה בנים דברה הורה. Die Thora bleibt die gleiche, das GotteSgesetz ist für die Ewigkeit. ES harret seiner Erfüllung von jeglicher Zeit, von jeglichem Geschlecht nnter. jeglichen Verhältnissen. Ob wir uns als! ein weises Geschlecht zeigen, welches.nach wahrer Erkenntmß dürstet, um Gottes Gebot für die Erfüllung zu begreifen, ob wir als •רשע uns in frevelhaftem Uebermuth und Spott über Gottes Gesetz frech erheben,; das Gesetz bleibt in seiner ewigen VerpflichtungskrafL das .gleiche und wartet selbst auf die Treue der Nachkommen eines Geschlechts, das durchaus רשע geworden. . Die beiden Hastoroth, welche nach der Bestimmung der weisen Ordner unseres Gottesdienstes am Peßach verlesen werden, zeigen uns'zwei Peßachfeier, welche diese Wahrheit ׳zur lebendigen Anschauung׳ bringen.; ■אבותינו במצרים לא השכילו *). Unsere Vater in.Aegypten hatten sich die Wunder Gottes nicht zum vollen Bewußtsein gebracht, sie blieben der Fülle - der LiebeSthaten Gottes nicht eingedenk. Schon beim Schilfmeer kündigten sie ihm den Gehorsam. — — Sie versuchten .ihn in der Wüste — lehnten sich gegen MoseS auf — gestalten sich ein Götteridol — verschmähten das herrliche Land und setzten kein Vertrauen in die Gottesführung. . Vierzig Jahre erziehender Vorbereitung bedurfte es, bevor sie den ersten Fuß in das Land der Verheißung setzen konnten. Da hatte das Volk das alte Zeichen des AbrahamSbundcs an sich zu vollziehen, denn während der ganzen vierzigjährigen Wüstenwanderung hatte es solches unterlassen. ״Und Gott sprach zu Jehvschua: Heute habe ich die Schmach Aegyptens von euch -abgethan." Darauf vollzog das Volk das Peßach. So knüpft das zu Gilgak begangene Peßach unmittelbar an die großen Verirrungen Israels an und zeigt, wie weit ab von der Höhe seiner ihm durch die Offenbarung gewordenen priesterlichen Aufgabe das Volk sich befand, nachdem es die Thora empfangen. Es war ja das עם קשה ערף, das hartnäckige Volk, welches sich zu der dauernd vollen Hingebung an Gott nur schwer entschließen konnte und das noch am Schlüsse der irdischen Lausbahn seines großen Führers MöseS aus dessen Munde zu vernehmen hatte: ״Du weißt es ja> daß nicht wegen Deiner Pflichttreue Gott Dir dieses gute Land zur Besitznahme gewahrt." - An welch' traurige Zustände knüpft, aber das Peßach an, welches unter der Regierung des Königs Joschijahu vollzogen wurde! DaS Reich Israel, dem zehn Stämme von den zwölf angehörte, war bereits in seinem Abfall von Gott und seinem Gesetze untergcg'angen. Der Großvater des jndäischen Königs Joschijahu, Menascheh, aber hatte während seiner füufundfünfzigjährigen Regierullg für eine. Reform des Judmtyums mit aller Rücksichtslosigkeit eines fanatischen Hasses gewirkt und sein Sohn Amon war ganz..in seine Fußtapfen getreten. So. war Joschijahu -ohne eine Ahnung von dem Judenthume erzogen worden, so-daß ihm das Buch des GottcsgesctzeS ganz fremd, war und wie eine inter- .») Psalm 106...