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Jeschurun · 1887-03-24 · Heft 12 (24.3.1887) · p. 180

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 12 (24.3.1887)
Article
Zur Richtigstellung der Lazarus'schen Mahnung an die deutschen Juden
Date
1887-03-24
Page
180 (sequence 3)
Language
German
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180 zu Personen, die er nicht kennt. In seinen! Hörsaale, vor der Korona seiner Schüler, über Metaphysik — da ist er in seinem Elemente. Wer im realen Leben, vor Inden über Judenthum, dr ist er fremd. Es lastet auf ihn! keine andere Schuld, als daß er sein 11 nöcr mögen nicht emsieht und in dem nicht selten angetroffcnen ProscssorenstolZ besangen ist, ein Professor verstände 60 ipso eben Alles, denn wofür wäre man sonst Professor! Die Juden, — um es. ganz Präzise zu betonen, die deutschen Juden der Gegenwart — gegen die in Deutschland gegenwärtig austretende feindliche Strömung vertheidigen und den Talmud preisgedcn zu wollen, heißt: die deutschen Inden der Gegenwart und die von ihnen bekannte Lehre ihren Gegnern überliefern. Das ist von keiner mit den deutschen Inden und dem Juden- Lhum vertrauten Seite zu bestreiten. Wir glauben hiermit dargcthau zu haben, daß Herr Professor LazaruS, dessen redliche Absicht, die Juden zu vertheidigen, nicht angetastet werden soll, in seiner vermeintlichen Verthcidigung aus llnkenntinß der von ihm vermeintlich vertretenen Sache in der ungeschicktesten Weise geschadet und sich somit als der am wenigsten geeignete Wortführer der Inden erwiesen hat. Sein mit vielem Aplomb und Lärm inszenirtcs Auftreten im Jahre 1880 ist deshalb selbstverständlich spurlos vorübergegangen und hat ihm nichts Anderes hinterlasscn, als ebenfalls die Erinnerung an den Beifall, den seine elegante Rede vielleicht bei dem anwesenden Auditorium gesunden, wenn dieser Bcisall, wie wir vcrmuthen, nicht auch weniger dem bedenklichen und 'gefährlichen Inhalte der Nedc als dem guten Willen des Professors galt und er einen eben nicht allzu kostbaren succes d’estime errang. Die gleiche llnberanntschast mit Len thatsächlichm Verhältnissen, für welche Lazarus gern gestaltend wirken möchte, kennzeichnet auch sein allerncnesteS Auftreten. Er hat bei deu jüngsten Wahlen znm deutschen Reichstag mit Hunderttarisenden seiner Mitbürger seiner Bürger- Pflicht unzweiselhaft nach redlichster Ueberzeugung Genüge geleistet. Das dünkt dem mit den realen Verhält״- nisten sowenig vertrauten Manne ein so bedeutsames Ereigniß, eine so hervorragende That, daß er sich gemüßigt glaubt, dieses Ereigniß durch eine dasselbe verherrlichende Schrift zu feiern. Alles was ein Profcstor thut, muß bedeutungsvoll sein. Wir gönnen Herrn LazaruS gern das unschuldige Vergnügen des Bewußtseins, eine große That vollbracht zu haben, wenn er nur nicht die Ungeschicklichkeit begangen hätte, ans Anlaß derselben die deutschen Juden iw einer Weise zu apostrophiren, welche im hohen Grade geeignet ist, eine durchaus fatsche Meinung über sie zu verbreiten. Er hält es nämlich für angezeigt, den deutschen Juden den Text zu lesen, und zeiht sie öffentlich Gesinnungen, die ihnen vollkommen fremd sind. Es mag ja sein, daß Herr Lazarus in seiner nächsten Umgebung Personen kennt, welche seine politischen Ansichten nicht theilen. Aber cS setzt denn doch eine nicht geringe Nnbcholfenheit voraus, zu wähnen, daß diese nächste Umgebung die ganze deutsche Judeuheit sei. Wir .wissen, daß nicht nur Herr LazaruS und sein Kollege Herr Goldschmidt, sondern auch viele andere Juden bei der NeichtagSwahl nach gewissen- Hafter Ueberzeugung ebenfalls für einen Kandidaten gestimmt haben, welcher der Negierung genehm ist. So trug z. B. in hiesiger Stadt der Ausruf der vereinigten, nationalen und konservativen Parteien auch die Unterschrift jüdischer Bürger. Die große Menge der zur Wahlurne berufenen deutschen Juden wird aber ebenso wie die Mehrzahl der Christen ihr Stimmrecht in gesetzlich vorgeschriebcner geheimer Wahl außgeübt und cs nicht für geboten erachtet haben, von ihrer Entschließung irgend einem andern als den eigenen Gewissen Rechenschaft abzulegcn. Wie will nun der Professor in Berlin wissen, in welcher politischen Nichtung die deutschen Inden gewählt haben? Er erweckt aber durch seine Schrift den Glauben, als ob die deutschen Juden der Anschauung huldigten, jeder Jude müsse zur Opposition zählen, und es sei ein Verrath am Jndenthum, wenn man nicht dazu gehöre. Dagegen muß auf das Allercntschicdcnste Vcr- Wahrung eingelegt werden. Eine solche Anschanung bestand und besteht nicht.. Es entzieht sich der Kennlniß. wie der einzelne jüdische Deutsche politisch denkt und handelt, wie ja auch über die politische Ansicht des einzelnen christlichen Deutschen ein Urtheil nicht zu begründen ist. Das Wahlrcsultat stellt die Meinung der Majorität der' Wähler fest. Die Juden bilden aber einen so geringen Thei! der Wählerschaft, daß von dicscm Resultat kein Schluß auf die politische Richtung der daran betheiligten Juden zulässig ist. Diese stellen überhaupt zu den Stimmführern der verschicdenen politischen Parteien nur ein sehr geringes Kontingent. Herr Lazarus kann deshalb seine, unserer Ueberzeugung nach, grundfalsche Auffassung nur aus rein zufälligen subjektiven Eindrücken gezogen haben, welche aber ans so minimalen Faktoren'rcsultiren, daß cS ganz unbegreiflich ist, wie er solche gcnügcnd erachten konnte, um in seinem ״An die deutschen Juden" gerichteten Mahnworte die Gcsammthcit der deutschen Inden über ihre politische Pflicht zu exhortiren.' ׳ Gewiß unbeabsichtigt verdächtigt er damit seine Glaubensgenossen, aber er verdächtigt sie, und fordert deshalb den energischsten Protest heraus. Indem wir diesen Protest hiermit erheben, protcstieren .wir zugleich gegen die, durch Herrn LazaruS

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