Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1887)
- Article
- Zur Richtigstellung der Lazarus'schen Mahnung an die deutschen Juden
- Date
- 1887-03-24
- Page
- 179 (sequence 2)
- Language
- German
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179 gegenüber nicht ausgeschlossen sei. ES würde deshalb undankbar sein, wenn dieses Verdienst verkannt und ihm die Berechtigung abgcsprochen werden sollte, ein Wort der Mahnung an die ihm vcrpsiichteten deutschen Juden zu richten. Wir sind wahrlich die letzten, welche sich einer Verletzung der DankcSpflicht schuldig machen möchten, und so wollen wie denn gern konstatiren, daß Herr Lazarus in seinen Reden von; I. und 16.'Dezember 1880 gegen die. anriscniitischc Bewegung ntanchcö zutrcsscnde Wort gesprochen. Er hat vollkommen richtig betont, daß die Existenz der. Judcnfragc im-Grunde ein schwereres Leid für die deutsche Nation als für die Juden, und daß cS eine Ungerechtigkeit sei, wenn unsere Feinde die von den einzelnen Inden etwa geübte Unbill der Gcsammthcit der Inden entgelten lassen wollen. Diese und manche andere richtige Bemerkungen seiner Rede wollen wir gern anerkennen. Aber von wie Vielen sind nicht diese und ähnliche Worte während der letzten Jahre gesprochen worden'? Herr Lazarus hat sie in einer jüdischen Versammlung zu Berlin gesprachen und tausend andere Inden in anderen Vcrsammlnngen. Es cristirt vicllcich kein Prediger, Lehrer und Gemeindevorsteher, der nicht Veranlassung geliommcn, so und ähnlich in jüdischen Versammlungen zu reden, vielleicht keinen Inden, der nicht Gelegenheit hatte, also sich in jüdischen und nichtjüdischcn Kreisen zu äußern. Diese Worte können unmöglich zu einer besonders hervorragenden Leistung für die Juden aufgebanscht werden. ES ist eine eitle Uebcrschätzung, wenn solches geschieht, und eine durchaus ungerechtfertigte lieber- Hebung, auf eine derartige Acußernng pochend, sich als Führer der deutschen Juden zu gcrircn. Wie aber Herr Lazarus, welcher so wenig Vcrsländniß für das Indenthum und die deutsche Judeuhcit offenbart, daß er in seiner Rede vom 16. Dezember 1880 wörtlich sprechen konnte: ״Was das sonst so interessante Buch, den Talmud, betrifft, so soll man wissen, daß cS für nnS kein Gesetzbuch ist, niemals gewesen ist; denn cs ist eine Sammlung der mannigfachsten Art. Die Kcnntniß seines Inhalts ist bei den deutschen Juden außerordentlich selten. Ist doch weitaus das Meiste, was darin steht, für uns zur historischen Notiz geworden." als ein berufener Mahner der deutschen -Juden angesehen zu werden prätendiren kann, das ist vollends nzterklarlich. Ein Mann, der solches behauptet, kennt die Juden nicht und hat gar keine Ahnung, daß selbst seine etwa noch konservirtcn religiösen Anschauungen, insofern sie jüdisch sind, ans dein Talmud basircn. Der Talmud ist die einzige Quelle für die Kenntniß des jüdischen Gesetzes. Der Pentateuch ist nur ans dem Grunde des Talmud zu verstehen, denn dieser enthält eben die authentische göttliche Gesetzgebung, welche von Gott ans dem Sinai geoffcnbart und in treuer Ueberlieferung v.on Geschlecht ans Geschlecht mündlich lradirt wurde. Auch die Reform, insofern sie vorgiebt, mit dem jüdischen Gesetze nickt vollständig zu brechen, kann den Talmud als Gesetzbuch nicht verleugnen. CS giebt keine größere Unwahrheit als die Annahme, der Inhalt des Talmud sei den deutschen Juden der Gegenwart unbekannt. Im Gcgcntheil. Die deutsche Jndenheit ebensowohl wie die Jndenheit überhaupt steht mit ihrem Bekenntnisse mlf dem Boden des Talmud, und es ist geradezu lächerlich, mit LazarnS behaupten zu wollen, daß die Inden der Gegenwart ihre Sittenlehre nicht aus bciir Talmud, sondern ans irgend einem in den NeligionSschulen eingesührtcn Schultehrbuch schöpfen. ES ist erstaunlich, daß Herrn Professor LazarnS nicht einmal der Gedanke gekommen ist, sich zu fragen, aus welcher Quelle denn die für die jüdischen Neligionsschnlcn verfaßten Leitfäden für den Unterricht geschöpft haben. Ist denn der von ihm angeführte Hcrxhcimcr der Schöpfer der Religion für die deutschen Juden der Gegenwart, weil er ein Schulbuch der jüdischen Religionülehre verfaßt hat, welches eine starke Verbreitung in den Schulen gesunden? Nur insofern der kleine Herxhckmer aus dem großen Talmud geschöpft hat, kann sein Vüchelchen als ein Buch von der jüdischen NcligionSlehre betrachtet werden. Herr LazarnS hat hier eine objektive Unwahrheit ausgesprochen und unter dem Titel ״Unser Standpunkt" in die weite Welt hinauSgesendct. Er hat damit sich unbewußt im Gegensatz zu den deutschen Juden gestellt, deren religiöse Gemeinschaften zum größten Thcile auf dem Grunde des talmudischen JndcnthnmS stehen. ES liegt aus der Hand, daß ein Mann, welcher so wenig die deutschen Inden kennt, selbst bei dem redlichsten Willen nicht im Stande ist, die gewiß gern geübte Führerschaft zu übernehmen. Herr LazarnS lebt anscheinend ganz seiner philosophischen Wissenschaft und seinem Beruse als Universitätslehrer. Er ist der praktischen Lebenssphäre gewiß gänzlich entrückt; er kennt die Juden und das Judenthnm nicht mehr, wenn er etwa ehedem in seiner Jugendzeit, bevor er ganz in seinen psychologischen Untersuchungen aufgegangen, mit ihnen in inniger Verbindung gestunden hoben sollte. Nun ist der wüste Lärm des AntisenlitiSmuS auch in seine stille Gelchrtenklause gedrungen und hat ihn erschreckt. Er tritt hinaus und will im edlen Eifer gern nützen. Aber der wackere Professor kennt sich auf dem Markte nicht aus, er kennt auch die Menschen nicht. Er spricht in seinem gutmüthigcn Uebereiscr über Dinge, von welchen er nichts versteht,