Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1887)
- Article
- Das Bewußtsein vom Judenthum
- Date
- 1887-02-17
- Page
- 98 (sequence 2)
- Language
- German
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- Isaiah 1× ep/1005097
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98 Ihr rühmt euch der Erzväter? Ist aber nicht die unbedingte Unterordnung unter das Gebot Gottes das eigentliche Wesen ihrer Größe, — ja, l;at nicht Gott auf Abraham zu keinem andern Zwecke sein besondercs Augenmerk gerichtet, als damit er seine Kinder und sein HauS nach sich verpflichte, daß sie den Weg Gottcö hüten? Ist nicht dieses der ״Bund", das ewig unauflösliche Vaud, das alle AbrahamScukcl mit der hohen Ausgabe verknüpft, für welche jedes Hauseines AbrahamscnkelS errichtet, für welches jeder Angehörige eines solchen geboren werden soll, für welches jeder AbrahamScukcl das Zeichen dieses Bundes an sich trägt zur steten Mahnung an die große Bundes- Pflicht der ausschließlichen Hingebung an Gottes Gebot mit ganzem uugethciltem Wesen? Und eines Moses, David und Jesaja? Wahrlich, nur Gedankenlosigkeit oder Unwissenheit vermögen diese Namen zu nennen, ohne der Pflicht inne zu werden, für welche sic ihr Bolk erziehen, belehren und begeistern wollten, der Pflicht, das Gottesgesetz als den heiligsten Schatz zu bewahren und es freudig zu erfüllen mit der Weihe des Geistes und Herzens, mit jeder Aeußerung schaffender Kraft. Und dafür haben auch die Makkabäer gestritten, nicht für ihres Volkes Macht und Größe. Sie zogen nicht hinaus, um der Seleukidcn Oberherrschaft zu brechen, sie entflammten den Heldenmut!) in der Brust ihres Volkes, um das Gesetz zu vertheidigen, um die Gebote Gottes erfüllen zu können, mn nicht gezwungen zu werden, ihnen zuwider zu handeln. Und da könnte man so vermessen sein und bekennen: ich bin ein begeisterter Jude, ich rühme mich hoher Ahnen, ich bin stolz ans das Judcnthum — aber ich. verachte das jüdische Gesetz, ich verleugne den thöriäMn Gehorsam meiner Ahnen, ich wende dem Jndenthnm den Nucken?! Es giebt keinen schreienderen Widersinn, keine lächerlicherePrütension. WaS den als Inden geborcncnznm wahrhaften Inden macht, ist daS Bewußtsein der hohen Mission, zn welcher Gott ihn beruscn, des unablösbarcn Dienstes, in welchen Gott ihn durch seine Geburt gestellt. Das Gesetz Gottes zu erfüllen in unverbrüchlichem Gehorsam, dieses Gesetz zn lernen und cs zn hüten in nimmer erschlaffender .Wächtcrpflicht, das allein berechtigt zn den: jüdischen Hochgefühl. ״So hütet denn und erfüllt," — ruft Moses als Schcidegruß jeglicher Generation seines Volkes zu — ״denn das ist eure Weisheit und eure Einsicht vor den Augen der Nationen!" ״Welche Wissenschaften und Künste das charaktcristische Erbtheil der anderen Kulturvölker sein mögen," bemerkt hierzu das erklärende Wort, *) ״eure, die *) Hirsch's Kommentar zur Stelle Deuterron 4, 6. jüdische Wissenschaft und Kunst, ist die Wissenschaft und Kunst des Anfbans eines ganzen Menschen- und VolkslebenS auf den! Fundament des GotteSbewußtseinS und der Menschenpflicht, ist die Wissenschaft und Kunst der Erkenntniß und der Verwirklichung dcö Gottesgcsctzcs, die Wissenschaft und Kunst der Wahrheit und der Harmonie des Lebens. Diese eure Wissenschaft und Kunst des Lebens wird euer Charakteristikum bilden in der Anschauung der Völker." Nicht als ein nebensächliches Moment hat dieses unserer Hut und Ausführung anvertrante Gesetz mit seinen alle Beziehungen des LebenS regelnden Anordnungen den Juden zügelten. DaS Jndenthnm ist keine Tenipclreligion, keine Knltuöform, von Menschen er׳ sonnen, um dem Schöpfer der Wett während einiger Augenblicke den Zoll der Ehrfurcht darzirbicten; das Jndenthnm ist keine Religion einer Priesterkastc, die deren Mysterien wahren und dem Volk 'Segen und Weihe zu spenden hat; — daS Judcnthum mit seinen vielfältigen Gesetzen will das ganze Leben zn einem einzigen Gottesdienste gestalten. Das Haus, die Werkstatt, der Markt sind seine Tempel, in welchen dieser wahrhaftige Gottesdienst geübt wird, und jeder israelitische Mann und jedes israelitische Weib sind seine Priester. Das Bewußtsein dieses priesterlichen Berufs ist das ächte Bewußtsein vom Jndenthnm, und dieses Bewußtsein hat die Seele der unsterblichen Männer erfüllt, deren noch die spätesten Enkel sich rühmen, dieses Bewußtsein hat die Seele des jüdischen Volkes erfüllt, welches den Untergang seines Staates, die Vernichtung seines Tempels überdauerte und hinausgetricben und zerstreut wurde über alle Zonen. Dieses Bewußtsein hat das jüdische Volk sich zu bewahren verstanden, als man seine Helden zur Augenweide der römischen Sieger von den Bestien der Wüste zc!fleischen ließ, als man seine Söhne und Töchter in das Sklavcnjoch schmiedete. Dieses Bewußtsein haben die jüdischen Männer und Frauen sich nicht rauben lassen, während der Jahr- Hunderte, da der wahnwitzige Spott und Haß an ihnen seiner Lust fröhntc und ihnen das Recht der Existenz streitig machte, ihr Leben verkümmerte unter unsäglichen Leiden, — Druck, Verfolgung und Elend über sie in ununterbrochener Folge verhängte. Dieses Bewußtsein hat die Inden geadelt und ihnen die beispiellose Kraft des Widerstandes, der Lebcnsfrend!'gleit und der Geistesfrijchc verliehen, daß sie inmitten des furchtbaren äußeren Geschickes ihrer heiligen Wächterpflicht oblagen, ihre eigcnthümliche Kunst und Wissenschaft pflegten und die glücklichste, geistcöfrischeste, menschenfreundlichste, sittlichste Mcnschcnfamilie allezeit blieben. Den verachteten und mißhandelten Juden ward der Hinblick auf die großen Männer ihrer Vergangen-