Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1887)
- Article
- Gutachten über das Schächten
- Date
- 1887-02-10
- Page
- 83 (sequence 3)
- Language
- German
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dessen die Gehirnthatigkeit regelmäßig auf ein Minimum herabgedrückt wird, resp. gänzlich aufhört. ad 2) Eine Betäubung durch Kopfschlag oder Genickstich nach dem Schächtschnitt würde hinsichtlich der Qualität dcS Fleisches als zweckmäßig sich nicht erweisen, denn dieser gchirnerschütterndc, betäubende Kopfschlag würde ebenso wenig als der Genickstich das Ausbluten dcö ThiereS beschleunigen oder vollkommener werden lassen; — nur das vollkommenste Ausbluten hat Bedeutung sür die Flcischqualität dcS geschlachteten ThiereS. — Der nachträgliche Genickstich kann sogar der vollkommenen AuSblutung aus physiologischen Gründen hinderlich sein. ad 3) Durch eine nachträgliche Applikation des KopfschlagcS oder des Geiiickstichcs wird eine Berkürzung des Schmerzes für das geschachtete Thier deshalb nicht gefördert und nicht gesichert, weil der Schmerz bei einer aufgehobenen Gehirnthatigkeit überhaupt nicht mehr empfunden wird; ein etwa mangelhaft ausgeführter Kopsschlag oder Genickstich würde eher noch das Gcgcnihcil Hervorrufen. Hannover, am 4 Januar 1867. Dr. Kaiser, Professor der königlichen Thierarzneisck)nle. Hl. Gutachten des Professors Richter in Königsberg. Auf das durch den hiesigen Rabbiner Herrn D1\ G r ü nfeld unterstützte Ansuchen des Herrn Nabbiuers und Scminardircktors Dr. I. HildeSheimc r zu Berlin, mich über die Frage zu äußern: ob die Schächtung nach jüdischem Ritus als eine thierquälcrische Schlachtungsmethode anzuschen sei und ob derselben zur Abkürzung des TodesaktcS aus humanen Rücksichten der Genickstich unmittelbar folgen müsse, gebe ich auf Grund eigener Beobachtungen und der einfd)!ägigen physiologischen Erkenntniß mein Gutachten pfllchtmäßig in Nachstehendem ab. . Gutachten. Die israelitisch-rituelle Schächtung der zu mcnschlicher Nahrung bestimmten Thicre ist nicht als eine thierquälcrische Schlachtungsmethode zu betrachten und ist der derselben unmittelbar hinzufügende Genickstid) nicht nur überflüssig, sondern — wie mit Sicherheit anzunehmcn ist — geeignet, der unvermeidlichen kllrzen Todesqual erneuten Schmerz hinznzusügen. Gründe. Wie ich mich bei mehrfachen Gelegenheiten durch eigene Beobachtung überzeugt habe, besitzen selbst in den kleinen armen Gemeinden Polens die Schächter eine derartige Geschicklichkeit, daß der Schnitt durch die Luftröhre, die Curotiden und Nerven des Halses bis zu den Halswirbeln mit vorher gewissenhaft als absolut gradfrei geprüftem Messer nicht mehr als zwei bis drei Sekunden Zeit beansprucht. Der Augenschein erwies, daß die Thiere bei diesem rasch und sicher geführten Schnitte einen nenncnSwerthcn Schmerz nicht empfinden, wie auch ans den Versicherungen von Perso'ncn, weld)e durd) Kugeln und fdjnetl geführte Säbel- und Mcsscrhicbe verwundet wurden, erhellen dürfte, daß sie die Art der Verwundung kanin gefühlt haben. Mit der vollständigen Absd)neidung der Blutznfuhr nach dem Gehirne erlischt and) rasd) die Thütigfeit desselben und kann wohl mit Sicherheit angenom-!neu werden, daß dies Erlöschen sid) sd)merzloS vollzieht, wenn nid)t noch während der beginnenden Lähmung deö Gehirns ein neuer, dassetqe umnittelbar betreffender Inhalt hinzugefügt wird — wie er mit Nothwendigkeit in dem unmittelbar auf die Dnrd)sd)neidung des Halses ausgeführten Genickstid)e erblickt werden muß. Wir wissen nichts von den Empfindungen der Menschen im letzten Todcskampfe; aber cö ist nicht auzunehmen, daß bei einem gesd)äd)tctcn Thiere unmittelbar nad) Dnrchsd)neidung des Halses das.Gehirn vollkommen empfindungslos sein sollte. Es sprid)t deshalb die Vermuthung dafür, daß der Genickstich während des aller Wahrscheinlichkeit nach sd)merzloscn Verblutens dcö ThiereS nod) ein- Pfunden werde, besonders wenn er — wie gewöhnlich — nicht gleichsam blitzschnell geführt wird. Der Genickstid) ׳ erfordert zuverlässig eine sichere Kenntnis; der Anatomie in Nücksid)t auf die Lagerung des ersten Halswirbels, eine feste Hand und sichere Führung des Stid)eS, Voraussetzungen, weld)e nicht immer bei Laien, als welche in diesein Punkte die Fleischer und dafür nid)t vorgcbitdcte Sd)äd)Ler zu ernetten sind, zu treffen sein dürften. Da — wie oben bemerkt — die Schmerzempfindüng dcS ThiereS beim Genickstid) nicht ausgeschlossen ist, so halte id) denselben für thierquälerisd) besonders, weil er vollkommen überflüssig ist. Die Zuckungen der Muskeln im Körper hören zwar auf; aber eö ist durch nichts bewiesen, daß nicht, so lange das Gehirn mit Blut versorgt wird, die Empfindung desselben vollkommen erloschen ist. Nad) dem sicher auögeführten Genickstid) dauert die Herzthätigkcit nach meinen von mir während meiner Thätigkeit als Leiter der OperationSübnngcn an der Thierarzncisd)ule zu Berlin gemachten Veobad)tungen noch circa fünf Minuten an, also bis zu einer Zeit, wo das geschachtete Thier sicher als todt zu betrachten ist. Der Genickstich dürste deshalb nicht den Vorzug haben, den Eintritt des Todes zu beschleunigen. Königsberg, den 3. Januar. 1887. Professor Dr. Richter.