Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1887-01-27 · Heft 4 (27.1.1887) · p. 51

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 4 (27.1.1887)
Article
Das jüdisch-theologische Seminar in Newyork
Date
1887-01-27
Page
51 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2932754-2932755-2932760-2933932--24081-2933985
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

51 Man hatte hiermit gewiß daö Nichtige getroffen. Wenn cS gelingen tonnte, den amerikanischen Gcntcinden, welche bislang vielfach auf den Abhub dcS deutschen und österreichischen Elements und in Zukunft auf das Eincinnaticr Kontingent allein sich hingcwiescn sehen, in den jüdischen NeligionSwisscnschastcn erfahrene, für das Indenthnm wirklich begeisterte, gewissenhafte, charaktcrvolle und gebildete Rabbiner zu erziehen, dann wäre in der Thai ein bedeutender Schritt zur Ncitung gclhan. Dann wäre die Hoffnung sehr berechtigt, daß in Amerika acht jüdisches Leben zur Blüthe gelange und unter den Segnungen amerikanischer Freiheit die jüdische Bevölkerung Gemeinden bilde, in welchen der alte Ernst, die alte Treue, die alte Begeisterung heimisch werden, welche in den Häusern der unterdrückten, verfolgten und mißhandelten Vorfahren im Elende dcS mittelaltcrlichen Europas gepflegt und bcthätigt wurden. Man wäre dann berechtigt, sich die Zukunft in dem erhebenden Bilde eines regen, wahrhaft jüdischen Gemcindc- und EinzcllcbcnS vorzustcllcn, in welchem }übtschcS Wissen und allgemeine Bildung, ernste Gewissen- Hastigkeit und hingehende Treue die Gemeinden Amerikas zu einem weithin leuchtenden Beispiel für ganz Israel gestalteten. Dürfen wir diese Hoffnung mit der Eröffnung dcS jüdisch׳theologischen Seminars in Ncwyork vcrknüpfen? Sind die Befürchtungen, welche in den Korrespondenzcn aus Amerika in diesen Blättern über dasselbe laut geworden, einer melancholischen Zweifelsucht entstammt? Daß wir doch hierauf freudigen Herzens antworten könnten: wir hegen jene berechtigte Zuversicht, wir dürfen vertrauensvoll in die Zukunft blicken! An die Spitze der jungen Anstalt ist Herr Nabbiucr S. MoraiS zu Philadelphia gctrelcn. Derselbe, wenn wir nicht irren, in Livorno gebürtig, ist z'chon seit mehr als dreißig Jahren in Amerika und erfreut sich des NnfcS eines der ernstesten und frommsten der amerikanischen Rabbiner. Die Rede, mit welcher er die Anstalt crösfncte, ist ernst und würdig. Wir wollen aus derselben einige Stellen anführcn, welche ein wohlthncndcS Zcugniß für die Gesimnmg dcS Mannes ablegen, dem die Leitung dcS Seminars anvcrtraut ist. Herr Moraiö führte sich und der Versammlung die hohe Bedeutsamkeit der Schule vor die Seele. In dieser Erkenntnis und im Bewußtsein dcS Ernstes seiner Aufgabe als Leiter dieses Seminars, verschmäht er die Phrase einer nicht ernst gemeinten Bescheidenheit, die füv die ehrenvolle Berufung als eine unverdiente Auszeichnung danken läßt. ״Ich }enne den Beweggrund," ruft er der Versammlung zu, ״dcr Ihre Vorsicher bei dieser Wahl geleitet. Man glaubte in meinem Namen eine Bürgschaft für das Wesen dcS Seminars zu finden. Der Geist, der cS erfüllt, soll rein jüdisch sein.-Es wird mir obliegen, möglichst dar« über zu wachen, daß keine Lehre darin Eingang finde, die dem Ziele fremd ist, welches das Seminar zu vcrwirklichen hat. Ich maße mir nicht zu viel an, wenn ich im Namen seiner Gründer erkläre,- daß der eisig kalten Kritik der modernen deutschen Schulen nicht verstattct werden soll, die Entwickelung religiöser Be« gcisternng in den Herzen unserer Zöglinge zu hcmmcn. -Wir werden niemals eine Bibelcrklärnng dulden, welche, ebenso unjüdisch wie hinterlistig, ja lödtlich nnscrm Glauben, diejenigen, welche wir zu dessen Vertheidkgern erziehen wollen, zu dessen Feinden macht und die Kanzel der Synagoge mit Waffen anSstattet gegen unser heiliges Gesetz. Wir werden niemals dulden, daß die verderbliche Spekulation wüster Theorien unsere Unterweisung in der nachbiblischen Literatur trüben, Zweifel erzeugen, beunruhigen und verdrehen." Wer würde nicht diesem Programme aus vollem Herzen zu stimmen? Herr MoraiS aber verbleibt in Philadelphia und führt von dort anö die oberste Leitung des Seminars. Er rechnet auf die Rabbiner Newyorks, daß sie in seinem Geiste mit ihm zusammen das große Werk fordern und zur gedeihlichen Entwickelung führen. Einer der hervorragendsten derselben ist aber Dr. Alexander Kohut, welcher erst seit einigen Jahren von Ungarn noch Amerika gekommen ist und als Nach» folgcr des verstorbenen Dr.. Hübsch an der — Reformgemeinde ״Ahawath-Ehescd" als Rabbiner wirkt. Er scheint berufen zu sein, einen sehr bcdcntcudcn Einfluß auf das Seminar anSzuübcn; — irren wir uns hierin, so sollte cS uns. sehr freuen, und wir würden mit wahrer Befriedigung eine authentische Berichtigung bringen. Herr Dr. Kohnt, welcher in Amerika als ein bedeutender Gelehrter gilt und trotzdem, daß er einem ausschweifenden NefornikultnS als Rabbiner Vorsicht, für ״konservativ" gelten will, hat auch eine größere Diebe bei der Eröffnungsfeier gehalten, welche mit dem Geiste derjenigen dcS Herrn Moraiö schwer in Einklang zu bringen ist, ja, welche derselben geradezu widerspricht. Herr Dr. Kohnt verwahrt die neue Anstalt energisch dagegen, im Gegensatz zu der Cincinnatier zu stehen. Wir führen aus seiner Rede einige Sätze hier an:- ״Unser Seminar, das heute seiner hohen Mission zugcführt werden sott, ist das zwcitgeborene Kind jüdijch-amcrikanischcr Gcistcöschöpfnng, während der crstgcborcuc Bruder schön hcrangewachsen ist. Ich meine das College in Eincumati. Sein geistiger Vater und Schöpfer, der verdienstvolle und so unermüdlich thätige Dr. Wise, für den ich persönlich so viel Verehrung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.