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Jeschurun · 1887-01-27 · Heft 4 (27.1.1887) · p. 50

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 4 (27.1.1887)
Article
Das jüdisch-theologische Seminar in Newyork
Date
1887-01-27
Page
50 (sequence 2)
Language
German
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50 Begründung einer Existenz, welche die europäische Heimath ihnen versagte, in der Jagd nach Besitz, in dem Haschen nach Neichthmn ging das Vcrständmß für das Jndenthum und die LLcrthschätzung desselben unter. Fast bis auf die letzte Spur ward die Erinnen!ng an ein gesetzeStrencS jüdisches Leben, wie solches in dein Elternhause gepstegt worden, verwischt und ein Geschlecht wuchs heran, dem das Jndenthum gänzlich fremd war. Herr I)!׳. Bcrnard Drachman von Remark sprach dieses bei der Eröffnungsfeier am 2. d. M. in ergreifend schlichten Worten auS, die wir bem ״American Hcbrcw" entnehmen. I)r. Drachman ist ein junger Amerikaner, kein Eingcwanderter. In ernsten Worten verwarf er die Leichtfertigkeit und Gleichgültigkeit, welche die jüngstvergangene Generation der Inden in Amerika kennzeichnete. ES trifft nicht ganz die Gegenwart die Schuld, daß sie so wenig vom Jndenthum weiß und heilig hält, sprach er. Sie hat ja nicrnalS im Leben und im Etternhanse schauen können, wie herrlich, groß und erhaben die angestammte Religion ist. Wie konnte eS auch anders sein? ES kamen and Europa Männer in das Land, welche thcilS vom Judenthum nur wenig wußten, theilS ihm längst den Nucken gekehrt hatten,!Heils leichtsinnige Verächter oder ingrimmige Feinde desselben waren, und gcrirtm sich als Lehrer, Prediger und Rabbiner. Sie fanden hier Anstcllung. Unwissend oder gewissenlos, leichtscrtig und eitel, thcilweisc frivol, beuteten sie die Unwissenheit des Volkes aus. Sie schmeichelten dessen Fehlern und Verirrungen. ES gicbt nichts Widersinniges, das nicht, falls cS in irgend einer Gemeinde dem Wunsche eines beachtenSwerthen ThcilS derselben entsprechen mochte, als ״Jndenthum" von diesen unwissenden und luchtsinnigen Männern adoptirt und verkündet worden wäre. Jede Thorhcit ward heilig gesprochen. Jede Gemeinde wähnte sich im Besitz des wahren, geläuterten, dem amerikanischen Geiste und dem amerikanischen Leben entsprechenden Juden!humS. Die Herren Neverendö lebten herrlich und in Freuden. Das jüdische Gesetz kümmerte sie nicht im Geringsten. Sie richteten in den Synagogen irgend eine Feier ein, predigten den Andächtigen was deren Gcschrnack entsprach und lehrten als Religion was ihnen bequem war. Dieses tolle Treiben währte Jahrzehnte lang. Rabbiner und Gemciudcn lebten gedankenlos in den Tag hinein bis in dem Gehirne cineö eitlen, gewandten ManneS der ehrgeizige Gedanke zur Reife gelangte, ans diesem EhaoS etwas zu schasse;, und zwar ״da« amerikanische Jndenthum". Der Mann war lange im Lande und hatte -die Schwächen seiner Bewohner genau stndirt. Er verstand die Reklame wie kein Anderer. ES gelang ihn:, eine Rabbinerschule zu gründen, deren Haupt er selbstverständlich wurde. Amerika sollte fortan seine Rabbiner nur ans seiner Hand empfangen. Diese von ihm und seinen Genossen unter hohlem Schaugepränge und dem Wirbel der großen Reklametrommel geweihten Jünglinge sind, insofern sie eingeborene Amerikaner, nnzweifclhast höchst harmlose, unwissende Menschen, die keine Ahnung von den; Unheil haben, das sie als ״Geistliche" aurichtcn. Die ersten Rabbiner dieser Mache wurden vor einigen Jahren von der Schute in Cineinnati, der zum ainerikanischcn 3crufalc!11 erhobenen Stadt, in die Gemeinden hinauSgcsandt, nachdem ihre Konsekration bei einen; großen Banket seitens der geladenen Zeugen und Fcstthcilnchmcr gefeiert wurde, welches unter Verletzung der jüdischen Spciscgcsetze hcrgcrichtet war. Eine solche öffentliche Verhöhnung dcS Juden- IhnmS, zn dessen Lehrern d׳e ״geweihten" jungen Leute bestellt waren, erregte doch in weiten Kreisen einen Sturm der Entrüstung, welchen der oberste Leiter der Rabbincrschule vergebens mit den; geflügelten Worte: ״Amerikanisches Jndenthun; ist keine Küchen- und Magcnrcligion" zu beschwichtigen versuchte. Den; Volke waren doch die Augen anfgegangcn. Der ״weise" Mann hatte sich doch über den Grad der Unwissenheit und Gleichgültigkeit getäuscht. In der Seele der amerikanischen Indenheit glimmte noch ein Fünkchen von den; alten wahren Jndenthum; sic zäh't doch zu der Nachkonunenschast des gottbegnadeten Stammes, dem an; Sinai die Thora geosfenbarct worden. Vergebens war der Hohn und Spott dcS Mannes am Ohio in ״der Königin des Westens״ über diese ungeahnte Entrüstung. Sie ließ sich nicht dämpfen; sic war daö Erwachen dcS lange schlummernden Gewissens. Man gewahrte den Abgrund, an dessen; Rande so lange die Orgien einer wüsten Reform gefeiert waren. Man ermannte sich zu einem Werke der Rettung. In solcher Erbärmlichkeit wollte man doch nicht enden. Man empfand das Bedürfniß, etwas zn unternehmen, um einem solchen schmählichen Untergänge vorzubeugen. Man suhlte, daß er uuabweislich sei, wenn Zöglinge der Ememuaticr Schule die alleinigen Führer und Lehrer der Gemeinden werden würden, Männer, die in der frivolen Anschauung ihres Meisters hcrangcbildet, die Lehren und das Gesetz des JudnithumS in Gesinnnng und That verleugnen. Man glaubte deshalb, daß cS vor Allem gelte, dieses drohende Geschick adznwcndcn und erachtete die Gründung einer Schule für die Heranbildung von Rabbinern und Lehren; im Sinne und Geiste des wirklichen JndcnthnmS, nicht jener in Wisc, den; Schöpfer und Leiter dcS Eincinnaticr Seminars, verkörperten Lüge vom Jndenthum, als ein dringendes Ersorderniß.

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