Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1887)
- Article
- Das jüdisch-theologische Seminar in Newyork
- Date
- 1887-01-27
- Page
- 52 (sequence 4)
- Language
- German
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hege, liebt daö Iudenthum und seine Wissenschaft zn I sehr, als daß er das Zustandekommen einer Stätte -er jüdischen Wissenschaft nicht auch freudig begrüßen sollte, so sehr auch die Feinde der neuen Anstalt sich geschäftig zeigten, dieselbe als eine OppositionS- und Trotzanstalt zu markiren. Nichts aber kann irriger sein, als eine solche Ansfassung. Ich habe cS wenigstenS oft und feierlich an meiner Kanzel ausgesprochen, und ich freue mich innig, konstatiren zu können, daß meine thcucre Gemeinde meine Auffassung theilt, daß wir bei Krcirung noch einer Anstalt im Herzen des Landes nicht von Antipathie oder geringschätziger Abnrthcilung der Leistungen an^der älteren Anstalt uns leiten lassen dürfen, daß wir int Gcgentheil der Wahrheit die Ehre geben sollten, daß die vorhandene Anstalt einem dringenden Bedürfnis: abhelscn soll und auch thatsächlich abgcholfen hat, soweit der Westen dieses großen Landes in Betracht kommt. Bon diesem GesichtSpnnkt aus rufen wir mit Jakobs Segensworten: der ältere Bruder niäge wachsen und gedeihen." Er rechtfertigt das Entstehen dieser zweitgeborncn jungen Anstalt mit dem Hinweise, daß in dein Osten Amerikas, und speziell in Ncwyork, namentlich in Folge der starken Einwanderung, ein größerer Fonds von jüdischcrn Wissen vorhanden ist, so daß der Osten einen ergiebigeren Boden für die Pflege der jüdischen Wissenschaft in Aussicht stellt, als man dieses vom Westen erwarten könnte. Wir fragen im Hinblick auf diese Erklärungen des D1\ Kohut: Wenn die Wirksanckeit eines Dr. Wise als für das Iudenthum verdienstvoll ausgcfaßt werden kann, wenn man ihn, der die ewige Unverbrüchlichkeit des göttlichen Gesetzes nicht anerkannt, dennoch als einen Freund des JudcnthnmS feiern darf, wenn man dagegen feierlichst Protest einlegcn will, daß das Ncwyorkcr Seminar einen Gegensatz zn der Wise'schcn Reform bilden soll, wenn man als Rabbiner thatsächlich der Reform huldigt, — wie kann man dann als einer der Lehrer und Leiter eines ans dem Boden des orthodoxen JudcnthumS stehenden Rabbinerseminars wirken? Wenn den Zöglingen dcS Ncwyorkcr Seminars daö Kohut'sche Beispiel als Vorbild gelten soll, wenn sie in ihm einen ihrer Lehrer zu verehren verpflichtet wären, wenn Männer von der Art des Dr. Kohut dem Seminar die Richtung zn geben berufen wären, dann hegen wir nicht nur keine Hoffnung für die Znkunst von dieser neuen Anstalt, dann beklagten wir deren Gründung, weil sic nicht in den Dienst der Wahrheit, nicht in den Dienst dcS einzig wahren JudeuthumS sich stellt. Wir hätten dann unsere amerikanischen Brüder zu bedauern, daß ihnen die rechten Männer fehlen, um sie auf den rechten Weg zu führen, um ihnclt eine Pflanzstätte wahrer jüdischer Wissenschaft und acht jüdischen Lebens zn schaffen. Dgs KtivuMil vom Mkilthm. (Fortsetzung.) *)So lange der Irrwahn in die Erscheinung tritt, so lange muß auch die Wahrheit auf dem Plane sein. Man darf nicht ermüden, sie immer von Neuem der Lüge entgegenzustellen. Die Erkcnntniß der Wahrheit reist langsant und bedarf eines um so längeren ZeitrauntcS, je verbreiteter und eingewurzelter der Irrthum ist, je mehr dieser der Eigenliebe schmeichelt, je unbcgnemcr sic selbst ist. ES dauert lange, bevor der Regentropfen bis zur Wurzel gelangt, um seine scgcnbringende Kraft au dem die Vautnkrone schmückenden Vlüthenkeim zn bewähren. Tropfen reiht sich an Tropfen, ein jeglicher gleicht dem andern; der folgende setzt das Werk des voraufgegangenen fort. Den mit nnermüdlieber Ausdauer auf sie eindringendcn Tropfen vermag das dürre, harte Erdreich doch nicht ewig zn widerstehen. Also bleibt sich die Wahrheit ewig gleich und, so sie ohne Unterlaß auf den irrenden Verstand dcS Menschen cinwirkt, bahnt sie endlich sich den Weg zu dem Herzen und erringt den Sieg über den Wahn. So ost cS darum auch schon ausgesprochen ist, so kann cö dennoch immer nicht häufig und kräftig genug wiederholt werden: cS ist eine arge Selbsttänschnng, eitel Irrthnnl und Wahn, sich einer ächt jüdischen Gesinnung zn rühmen, sich in dein vermeintlichcn Bewußtsein seiner Treue gegen das Indenthum stolz zn wiegen, wenn nur die Lippen ein Bckcuntniß sprechen, dessen Bekräftigung durch die That nicht allein ans׳ bleibt, sondern von dieser geradezu widersprochen und verleugnet wird. Derjenige, welcher das Iudenthum, wie cS in schriftlicher und mündlicher Ucberlicferung uns überfommeu ist, für nicht göttlich, nicht unantastbar und nicht auch für daö unsere Kinder und Enkel ebenso zu nnbcdiiigtciil Gehorsam verpflichtet erachtet und sich demgemäß!lach Laune und Willkür ans demselben Dasjenige hcrauSsncht, was ihm als angemessen und gut crichcint, alles Andere aber ׳verwirft lind als . für ihn nicht vorhanden erklärt und in dieser Anschauung auch thatsächlich die Gebote Gottes in offenem Frevelnrnthe oder in leichtfertiger Gedankenlosigkeit lilißachtet und unerfüllt läßt, der ist kein treuer Sohn dcS Juden- ־*) Druclfchltrbrrichtig 11 ng. In brr vorigen Nninmer S. 84, ‘.2. Spalte, Z. 25 v. 0. statt .,unrichtig" lies ״unwichtig".