Wissenschaftliche Zeitschrift für jüdische Theologie
- Journal
- Wissenschaftliche Zeitschrift für jüdische Theologie
- Volume
- 1844
- Issue
- Heft 2
- Article
- Zur Entwickelungsgeschichte der hebräischen Sprachkunde, biblischen Exegese und hebräischen Dichtkunst unter den arabischen Juden im zehnten, elften und zwölften Jahrhundert [Rezension]
- Date
- 1844-01-01
- Page
- Seite 265 (sequence 5)
- Language
- German
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Saadias. 265 tigung die Augen schloß. Es ist natürlich/ daß man auf beiden Seiten den Einfluß und die Berechtigung der Geschichte nicht anzuerkennen wußte und daher sich zu E.rtremen hinaufschraubte, wozu eben die Seetentrennung und die daraus entstehende Lust, das dem andern Systeme schneidenst Entgegengesetzte zu behaupten, noch weh? drängte. Die Nabbaniten wollten den Einfluß der Geschichte nicht beachten, nicht einsehen, daß das exegetische Verfahren der Mischnah, Baraitha's und Gemara erst allmälig nach gewissen Voraussetzungen sich ausbildete/daß diese verschiedenen Schriften, noch'mehr die einzelnen Lehrer darin unter sich selbst nicht einig waren, daß diese Eregese zunächst der Notwendigkeit, die große Anzahl von neuen Satzungen und Einrichtungen, welche man nicht „in der Luft schweben" lassen wollte, als wohlbegründet, also als regelrecht aus der Bibel entwickelt nachzuweisen, ihren Ursprung verdanke, und einer richtigern .Ansicht weichen müsse) sie verkannten ferner, daß die neuen Einrichtungen — zu denen nun noch dieihrer Stütze beraubten Satzungen kamen — aus der ganzen Auffassung des Gesetzes und dem Streben, dasselbe Ln der Zeit zu erhalten und zu befestigen oder auch nach neueren Ansichten zu modificiren, erzeugt worden sind, daß man sich Dies dann später nicht gerne habe eingestehen wollen, und daher für dieselben ebensowohl exegetische Stützen ausgesucht, wie, beim Mangel an solchen, das Überkommensein von einer unumstößlichen Autorität als nothwendiges'Postulat. hingestellt, wirkliche Abänderungen aber verwischen wollte. Die Karaiten ihrerseits fehlten darin nicht minder, daß sie das Geschichtlichgewordene nach seinem Werthe zu würdigen sich weigerten; sie übersahen, daß eine in das Leben und dessen mannichfache Geschicke eingehende Religion im Laufe der Zeit Ansätze und Umwandlungen aus der alten Wurzel heraus erhalten müsse, diese daher, wenn auch nicht gerade für alle Zeiten bindend, doch keineswegs als willkürlich und unberechtigt zu tadeln sind, daß sie vielmehr auch ohne biblische Stütze, auch ohne Zurückführung auf göttliche Autorität, durch innere Gediegenheit, durch wahren Zusammenhang mit dem Geiste der Religion, ihre verpflichtende Kraft erlangen, sie übersähen, daß die äußern Verhältnisse und allgemeine, aber zeitlich wechselnde Anschauungen der Boden sind, in welchen der Geist sich als Gesetz emgräbt und