Wissenschaftliche Zeitschrift für jüdische Theologie
- Journal
- Wissenschaftliche Zeitschrift für jüdische Theologie
- Volume
- 1844
- Issue
- Heft 2
- Article
- Ist der Streit in der Synagoge ein Zeichen von ihrem Zerfalle oder von ihrem neuerwachten Leben?
- Date
- 1844-01-01
- Page
- Seite 146 (sequence 8)
- Language
- German
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146 1. Der Streit in der Synagoge richtung, in welchen daS Heil gefunden, werden soll, oder ist es nicht vielmehr gerade das geläuterte religiöse Bewußtsein, aus dem dann nothwendig die äußern Einrichtungen sich angemessen Hervorarbeiten? Weit höher steht wahrlich ein Gemeinwesen, das zwar in veraltete Institutionen so fest eingeklammert ist, daß es nicht so leicht sich ihnen entwinden kann, hingegen in frischer Bewegung ist, vom lebendigen Bewußtsein durchdrungen, es müsse ein neuer Geist einziehen, als ein anderes Gemeinwesen, das zwar angemessenere Institutionen besitzt, aber trotz diesen sich nicht zur Klarheit zu. erheben vermochte, die Bedeutung des eigenen Besitzes nicht zu würdigen vermag, weil er ihm gewissermaßen im Schlafe geworden ist. Wer den Proceß in sich nicht durchgemacht Hat, blos theitnähmlos Resultate aufnimmt, von dem läßt sich nicht sagen, er sei zu einer höhern Stufe gelangt, da diese Resultate selbst in ihm nicht lebendig sind, und so ist es eben der Proceß, und der ist bei dem Einzelnen wie bei Gesammtheiten ein Kampf, der das proomloro, das Fortschreiten begründet. —- Und sollte denn wegen eines vielleicht augenblicklichen kleinen Nachtheils der außerordentliche, Gewinn, der bald erfolgen muß, übersehen werden? Denn mag es immerhin sein, daß durch die Aufrüttelung der Unwille Einiger entsteht, ist es nicht sie auch, die Vielen die Augen öffnet, Viele zur Theilnahme auffordert? Und gerade daß die Schroffheiten, die sonst vorsichtig umwickelt werden, daß die scharfen Konsequenzen, die sonst im Hintergründe bleiben, nackt hervortreten, gerade dieser Umstand ist von großem Belange. Wenn bei dem Streite über Maimonides' Schriften die Gegner sich so weit getrieben sahen, daß sie umnmwuuden eine Körperlichkeit Gottes behaupteten,, so zeigte dies den nur irgend Unbefangenen, wie das schroffe System, die ganze Aggadah des Thalmuds buchstäblich anzunehmeu, auf die gefährlichsten Abwege führt. Wenn in neuern Streitigkeiten die Konsequenz nicht gescheut wurde, es sei ein Jeder, der eine Vorschrift des Thalmuds übertrete, zum Zeugnisse nicht fähig, so zeigte sich auch hier wieder, wie die hartnäckige Leugnung einer jeden Entwickelung im religiösen Denken und Leben zur Verdammniß fast der ganzen Glaubensgenössenschaft führt. So Muß die Einseitigkeit sich offenbaren- und die Nothwendigkeit eines Fortschrittes in der Über-