Wissenschaftliche Zeitschrift für jüdische Theologie
- Journal
- Wissenschaftliche Zeitschrift für jüdische Theologie
- Volume
- 1836
- Issue
- Heft 1
- Article
- Grundlehren des israelitischen Glaubens
- Date
- 1836-01-01
- Page
- Seite 76 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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70 IV. Grundkehren des iftaeÜtischen Glaubens. zubürden? Wir sind allerdings täglich in dem Falle, Entscheidungen über casuistische Fragen zu geben, da nicht Alles - ausdrücklich in der Bibel oder im Talmud stehn kann; diese Fragen beziehen sich jedoch alle auf bestimmte Neligionspflich-; ' ten; aber ein eigentliches System von GrundLehren des Glau- : . Lens ausstellen, das weder die Bibel, noch die Tradition kehrt, scheint mir in diesen später» Zeiten Keiner zu dürfen, - und wäre er auch so weise als Daniel. Bei weiterer Uebedlegung indessen muß ich zü seiner Rechtfertigung sagen, daß eben, weil wir zerstreut leben, ohne Propheten und ohne Weisen von gültiger Autorität, jeder Denker berechtigt ist, Lehren bekannt zu machen, die er durch die Kraft seiner Vernunft erforscht hat, vorausgesetzt, daß sie weder der Bibel, noch der Tradition widersprechen, ja, daß er sogar dazu verpflichtet ist, was, nach seiner Ansicht, der Religion ersprießlich sein kmm, schriftlich bekannt zu machen. Haben sich ja schon die Alten, dem Gesetze zuwider, zur Abfassung des Talmuds bewogen gefunden,, weil sie von dem Grundsätze auSgingen,! Daß man zur Erhaltung dev Religion im Ganzen ein einzelnes Gebot übertreten dürfe. Wie viel mehr ist dieser Grundsatz in unsrer Zeit anwendbar, wo wir ohne obere Religionsl vehörde und ohne orbinirte Geistlichkeit leben, wo dabei die Verwirrung hinsichtlich der Glaubensprincipien so sehr um sich gegriffen hat, daß Maimonides selbst der griechischen Wissen-, schaft bedurft hat, um den Knoten zu entwirren. Da nun aber die ganze Berechtigung zur Aufstellung eines Glaubenssystems sich auf die Zeit und die Umstände gründet» unter welchen wir leben, so behaupte ich,, daß , ui auch bei! einem solchen Unternehmen vorzüglich auf die Bedürfnisse sehn! ' müsse, welche die Zeit bringt, so daß man jede Wahrheit, an welche nach den bestehenden Verhältnissen die Erhaltung dev Religion geknüpft ist, unter die Gnmdlehren des Glaubens aufzunehmen habe. So war z. B. zur Zeit, als der Tem-. peldienst noch bestand, eine Grundlehre des Glaubens, daß wir auf Gottes Geheiß die Opfer im heiligen Hause darbringen; h-ingegen war unter David und untrer Salomo, bevor dieser sich versündigt hatte, der Glaube an eine künftige Erlösung keine Gnmdtehre-der Religion, da die Nation in dem -lühendensteu Zustande lebte nnd kein Druck'vorhanden war. ,