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Menorah · 1932-11-01 · Heft 11-12 (November 1932) · p. Seite 508

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
10 (1932)
Issue
Heft 11-12 (November 1932)
Article
André Spire
Date
1932-11-01
Page
Seite 508 (sequence 2)
Language
German
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508 MENORAH allerletzt war auch die Judenfrage von dieser neuen Einstellung betroffen, und zwar ganz prinzipiell, völlig unabhängig davon, ob die Wellen des Antisemitismus momentan hoch gingen, abflauten oder auch ganz verebbten. Der Prophet der inneren Wandlung, die mm dem französischen Judentum oblag, war Bernard Lazare, der unerschrockene jüdische Dreyfussard, der nicht, nur für Dreyfuß kämpfte, sondern auch gegen den Großteil der jüdischen Rourgeosie, welche lieber das Geschehene in Kauf nehmen, als durch eine allzu lange dauernde Altäre auf sich die Aufmerksam lenken und ihre Ruhe gefährden wollte. Der klassische Repräsentant der neuen Epoche aber ist Andre Spire, als Dichter und Mensch die Verkörperung jenes Problems, welches das Problem des zeitgenössischen Judentums ist, als Dichter und Mensch seine wunderbare Lösung. Spire ist im Jahre 18(58 in Lothringen geboren, in jenem gesegneten Lande, wo es, wie er erzählt, schon seit langem nur Lothringer verschiedener Konfession gab und wo die Juden, in den Synagogen ihrem Kultus fromm ergeben, sich sonst weder durch ihre Lebensart, noch durch ihre Kleidung und Sprache von den anderen Lothringern unterschieden, den gewöhnlichen lothringischen Dialekt sprachen und wenn sie sich des Schriftfranzösisch bedienten, weder mehr näselten noch mehr die Silben dehnten als die anderen. Aus einer alten Familie stammend, deren Name seit Jahrhunderten in den Annalen des Landes eingetragen ist, da einem Ahnen des Dichters zur Zeit, als Juden der Aufenthalt in Lothringen verboten war, durch einen besonderen Erlaß Ludwigs XIV. dazu die Erlaubnis erteilt wurde, in einem kultivierten und wohlhabenden Milieu erzogen, hat Spire das Ideal des NachrevolutionsJudentums voll erfüllt. Er unterschied sich nicht von den anderen, war nicht frühreif, wie es meist begabte Juden sind, lernte nicht übermäßig gern, turnte, ruderte und schwonim aber dafür glänzend und war ein ebenso passionierter Fischfänger, wie er ein begeisterter Jäger war. Er schrieb seit frühester Jugend Gedichte — auch dies nichts Ungewöhnliches — und behandelte in ihnen die üblichen Themen in einer klaren polierten Sprache und in dem üblichen französischen Versmaß, das man an den Fingern zählen muß, um sich im Rhythmus nicht zu irren. Seine Bildung war die für Frankreich typische humanislische, in der geistige Interessen mit einer verantwortungsbewußten Anteilnahme an der Politik des Landes innig verquickt sind, und seine politischen Überzeugungen entsprachen ganz der Ideologie Dar niestet lers. Um die Neunzigerjnhre herum ging die I laßpropaganda gegen die Juden an. Spire gehörte zu denen, die mutig den Handschuh aufnahmen, keinen Angrilf unpariert ließen, auch vor Duellen nicht zurückschreckten. Doch als die Wolken sich verzogen und die Sonne nicht erschien, als aus dem Kampf um Gerechtigkeit eine einträgliche Politik wurde, du wachte er von seinen Jugeiidlräumen vom Kommenden Reich auf. Er sah sich in der Gegenwart um. Es gibt Musik, Liebe, Landschaften, die man genießen kann. Er empfindet sie mit den differenzierten Sinnen des feingebildelen Franzosen, er besingt sie in der schönen Sprache, die alles glättet und zum Lächeln zwingt. Doch plötzlich übermannt ihn das Gefühl, daß er im Grunde einsam ist. Mais ä nos sens Irop fins tont ä coup sc revele Que nous somme.s des elrangers. Ein Fremder. Es ist sein erstes Gedicht, das der französischen Metrik enträt, das erste, das weder Reim, noch das auf Silbenzahl fußende Versmaß aufweist. In Inhalt und Form — wie bei jedem echten Künstler sind bei Spire Form und Inhalt vollkommen solidarisch — die erste Revolle seines inneren Ich, eines Ich, das anders ist, als die Menge, die ihn — Spire sagt nicht mehr umgibt — ,,umengl" nennt er es jetzt. Eine Novelle von Zangwill, deren Übersetzung in der Zeitschrift Pcguys erschienen ist, brachte Spire die Erlösung. Wohl war er anders als die anderen um ihn, doch gab es ein Volk seines Schlages, eine ganze Well seiner Art. Und dieses Volk war sein Volk. Diis anheimelnde Gefühl, das ihm die Werke Zangwills machten, obwohl sie von Menschen

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