Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1932)
- Article
- André Spire
- Date
- 1932-11-01
- Page
- 507 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ANDRE SPIRE Als am 2S. September 1791, zwei Jahre nach der Verkündigung der Menschenrechte, die Französische Revolution sich auf das Bemühen des Abbe Gregoire hin, entschloß, sie auch auf die Juden — denn logischerweise war ihnen das Menschsein nicht abzusprechen — zu erstrecken, da dachte die JudenheiL Frankreichs, ihre Geschichte sei an diesem Tage beendigt. Als Menschen in das Gefiige der französischen Nation einbezogen, wollten die .luden es ihr dimkcn, indem sie vollkommene Franzosen werden, und gleich den Bretonnen, Basken und Normannen im französischen Volk ganz aufgehen. Alles, was Sondereigenschaft war, wurde ausgemerzt. Sie scherten ihre Barte, gaben die Sprache auf, die sie mit den Juden anderer Völker verband, lernten dafür die Sprache des Landes, trachteten es ihren Mitbürgern in allem ähnlich zu tun, ja. kaum, daß sie ihre Kinder nicht tadelten, wenn sie im Lernen eifriger waren, als die anderen; denn auch das war eine Besonderheit, und als solche mißliebig. Sie strebten diese Angleichung um so heißer an, als dies nicht nur aus Dankbarkeit und aus Freude über die neugewonnene Freiheil geschah, sondern auch, weil sie sich jetzt, da die engen Ghellomauern gefallen sind, welche sie zwar von der übrigen Well abschlössen, ihnen aber gleichzeitig in ihrem eigenen Rahmen Halt und Wärme boten, inmitten der audersgesittelen Gesellschaft einsam und befangen fühlten. Josef Salvador und nach ihm James Darmestetler, beide glänzende Schriftsteller und von jüdischer Kultur ebenso erfüllt wie der französischen ergeben, formulierten in typischer Weise die Ideologie dieser Untergangspraxis des französischen Nach revolulionsjudent ums. Ähnlieh wie in unserer Zeil Hermann Cohen die Assimilation der deutschen Juden dadurch zu begründen glaubte, daß er Judentum und Deutschtum auf einen gemeinsamen Nenner, den Kantianismus brachte, so unternahmen es damals Salvador und Darmestetier aus Geschichte und Gesetzgebung den Reweis zu erbringen, daß jüdisches und französisches Wesen im Grunde identisch sind, nämlich beide Vernunft. Ks ist also kein Selbstverrat, wenn sich Juden au Frankreich verlieren, und andererseits verleibe sich Frankreich keinen unauflösbaren Fremdkörper ein, wenn es den Juden in seine intimsten Angelegenheilen Einlaß bietet. Ja, mehr noch. Frankreich, das nach der Revolution, die seines Kernes schlakkenloser Ausdruck war, seinen römischen Instinkten nachgebend, dem cüsareischeu Heldenzauber Napoleons unterlag, wird, von diesem Taumel erwacht, am Mosaismus genesen. „Doch — bemerkt Spire in seinem interessanten Studium über Darmestelter — die Geschichte hat so friedliche Lösungen nicht gern." Gleichzeitig mit den Artikeln von Darmesletter, in denen er den allgemeinen Frieden auf Grund des Prophetismus predigte, fing in anderen, eigens zu diesem Zweck gegründeten Zeitschriften die heftige. Kampagne au, die Kirche und Armee vereinigt anzettelten, um den Juden alles zu nehmen, was ihnen seinerzeit an Freiheiten die Revolution gegeben hatte. Einige Tage nach dem Tode Darmesletters wurde der jüdische Kapitän Dreyfuß verhaftet. Damit fand der erste Abschnitt jüdischer Geschichte im Nachrevolutionsfrankreich ein weit sichtbares Ende. Eine neue Epoche begann. Wie jene Steint'ormalionen des Meeres, die hoch über der Obertläche des Wassers ragen und bis zu seinen abgründigen Tiefen herunterreichen, war die Dreyfußafräre. Sie bedeutet im letzten den Kampf zweier Weltanschauungen, die feindlich und unvereinbar einander gegenüberstehen. Gegen den Vernunf tglauben. der die vorhergehende Epoche beherrschte, standen Mächte auf, die die Herrschaft des Instinktes vertraten. Von Barres meisterhaft gepredigt, verbreitete sieh immer mehr und mehr der Glaube an die Schicksalhaf tigkeit des Blutes, an die Blulbedinglheil der Seele. Eine neue Auffassung vom Wesen der Volksgemeinschaft brach sich bahn. Im Laufe der leidenschaftlichen Auseinandersetzung wurde der ganze Boden der bestehenden Ordnung aufgewühlt, alles in Frage gezogen, so manches umgewertet, einiges neu geprägt. Niehl zu