Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1932)
- Article
- Zur Geschichte der jüdischen Fürsorgeerziehung in Deutschland
- Date
- 1932-11-01
- Page
- Seite 504 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2912821-2912916-2912923-2928842--11885-2928976- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
504 MENORAH sich angewiesen, persönliche Anregungen von außen konnten sie kaum erreichen. Man schul' jetzt in Wolzig ein Heim, das in seinem ganzen Aufbau auf Erfahrungen fußte, die in modernen Fiirsorgeerzichungsanstalten gemacht wurden, ein Heim, das sich in seiner Arbeitsweise stützt auf heilpädagogische Erkenntnisse, ein Heim, dessen Einrichtung mustergültig ist, und das zu den wenigen gut geführten Fürsorgeanstalten Deutschlands gehört. Eine ausführliche Schilderung des Jugend- und Lohrheims Wolzig, das am 28. XI. 1929 eröffnet wurde, gehört nicht in den Rahmen dieser Darstellung. Die Arbeit in Wolzig ist Gegenwart und nicht Geschichte. Nur einige prinzipielle Gesichtspunkte, die für die dortige Arbeit bestimmend sind, seien hier herausgestellt. In Wolzig wendet man sich ganz im Sinne jetziger pädagogischer Auffassung an die innere Aktivität des jugendlichen Menschen, dessen Individualität man bejaht; und man versucht, ihn selbsttätig an erzieherischen Aufgaben zu beteiligen. Jede äußerlich erzwungene Autorität lehnt man ab, und man kommt deshalb ganz selbstverständlich zu Forderungen wie Selbstverwaltung, Selbstgerichtsbarkeit, kameradschaftlichem Verhältnis zwischen Jugendlichen und Erziehern u. ä. Daß sich auf eine Fürsorgeanstalt, die es in großem Umfange mit seelisch und geistig nicht völlig gesunden Jugendlichen zu tun hat. nicht ohne weiteres alle modernen pädagogischen Ideen übertragen lassen, hat sich in der kurzen Zeit, in der Wolzig besteht, schon ergeben. Es ist relativ leicht, den Jugendlichen in einer freundlichen und schönen Atmosphäre, wie sie in einer neuzeitlichen Anstalt zu finden ist, vor Rückfällen zu bewahren, der Erfolg der geleisteten Erziehungsarbeit zeigt sich erst, wenn der jugendliche Mensch wieder allein im Leben steht und auch dann nicht versagt. Dieser schwierige Übergang ist sehr oft nicht gelungen, er muß dem Jugendlichen erleichtert werden. Aus dieser Erwägung heraus schuf man im Jahre 1930 in Berlin ein Übergangsheim für die aus Wolzig Entlassenen. Von hier aus gehen die Jugendlichen, die in ihrer allgemeinen Entwicklung so weit gefördert sind, daß ein Aufenthalt in einer geschlossenen Anstalt für sie nicht mehr erforderlich ist, zu ihrer Arbeitsbezw. Ausbildungsstätte. Dieses halbollene Heim, das den Jugendlichen als Unterkunfts- und Schlafstätte dient, während sie in der praktischen Arbeit schon draußen im Leben stehen, erfüllt einen wichtigen pädagogischen Zweck. Es bietet den Jugendlichen einen Halt, hilft viele Spannungen überwinden, die sich bei der Wiedereingliederung in das allgemeine gesellschaftliche Leben ergeben, und soll auch noch nach der Entlassung aus der Fürsorge-