Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1932-11-01 · Heft 11-12 (November 1932) · p. Seite 501

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
10 (1932)
Issue
Heft 11-12 (November 1932)
Article
Zur Geschichte der jüdischen Fürsorgeerziehung in Deutschland
Date
1932-11-01
Page
Seite 501 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2912821-2912916-2912923-2928842--11882-2928973
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

GESCHICHTE .JÜDISCHER FÜRSORGEERZIEHFNG 501 Linne Sonderstellung innerhalb der jüdischen Fürsorgeerziehung nimmt das schon genannte Heim des J ü d 5 s c h v n F r a u e n 1) u ndes in Isenburg bei Frankfurt a. M. ein. Gegründet wurde dies Heim 1907 durch die bekannte Führerin des Frauenbundes Rerta P a p p e n h e i m. Isenburg will nicht eine Fürsorge-Anstalt im Sinne des Gesetzes sein, sondern „eine Stätte, in der gefährdete weibliche Jugendliche, in denen die Kraft und der Wille zum Guten noch geweckt und gestärkt werden können, Schutz und Erziehung linden/4 Die Darstellung der geschichtlichen Entwicklung des Heimes Isenburg gehört nur sehr indirekt in den Rahmen dieser Arbeit. Das Heim nimmt nicht ausschließlich Fiirsorgezöglinge auf — diese sogar nur in leichteren Fällen — sondern vor allem sittlich gefährdete Mädchen, für die kein Fürsorgeerziehungsbeschluß vorliegt; Mädchen, die wegen irgendeines Deliktes vor Gericht gestanden haben, sowie junge unverheiratete Mütter vor der Geburt. Diese jungen Mütter können mit ihren Neugeborenen auch nach der Entbindung in der Anstalt verbleiben. Die Errichtung Isenburgs, das den unehelichen Müttern ein Heim bot, bedeutete eine revolutionäre Tal in einer Zeit, in der die jüdische Oil'entlichkeit ihre Augen vor der Tatsache verschloß, daß auch in den Reihen der jüdischen Gesellschaft die uneheliche Mutterschaft nichts Seltenes war. Auch in ihrer gesamten pädagogischen Haltung prägte das Heim Isenburg von Reginn an eine eigne Note aus. Man bemühte sich. .,ein natürliches, behagliches, gesundes, im jüdischen Sinn betontes, liebevoll aufgebautes Gemeinleben Wirklichkeit werden zu lassen." Man lehnte jegliche Ohrfeigen- und Schokoladenpädagogik" ab, wandte sich gegen die Konzentration gefährdeter Jugendlicher und schuf die Form der ,.aufgelockerten" Anstaltserziehung, indem man, wie in der natürlichen Familie, normale und gefährdete Kinder gemeinsam in einem Familienkreis erzog. Nach den Worten der Gründerin soll das Heim sein ,,kein steinernes Denkmal einer Stiftung mit Aufschriften, Yotivtafeln. Korridoren, Schlaf- und Eßsälen. einer Elementarschule, mit Karzer und Zellen und einer dominierenden Direktorsfamilie, sondern, wenn auch immer Surrogat der einzig wünschenswerten guten Familienerziehung, ein Heim". V om Ausbruch des Weltkrieges an kann man auf fast sämtlichen Gebieten menschlichen Wirkens einen tiefen Einschnitt feststellen, die ruhige stetige Entwicklung der Vorkriegszeit wurde jäh unterbrochen, III. IV.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.