Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1932)
- Article
- Zur Geschichte der jüdischen Fürsorgeerziehung in Deutschland
- Date
- 1932-11-01
- Page
- Seite 492 (sequence 9)
- Language
- German
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45)2 MENORAH elende Anstalt keine geschlechtlich bescholtenen Mädchen aufnehmen zu können. Trotz dieses ablehnenden Bescheides aus Köln entschloß man sich, die Anstalt für Mädchen zu errichten, nachdem die Gemeinde Berlin einen einmaligen Zuschuß von 2500 Mark und einen Unkostenbeitrag von je 4000 Mark für 2 Jahre beisteuerte. Am 2. VI. 1902 wurde die Anstalt provisorisch in Mietsräumen im ehemaligen Magdalenenstift, einem leerstehenden Anstaltsgebäude in Plötzensee bei Berlin, eröffnet. Im Gegensatz zur Anstalt Repzin, in der schulpflichtige und schulentlassene Zöglinge untergebracht waren, beschränkte sich die Anstalt Plötzensee auf die Aufnahme schulentlassener, verwahrloster Mädchen. Für schulpflichtige Mädchen stand außer dem schon erwähnten Waisenhaus in Ems, die Kinderbewahranstalt in Köln und für leichtere Fälle, auch älterer Mädchen, die im Jahre 1902 eröffnete Mädchenabteilung der Israelitischen Erziehungsanstalt in Ahlem zur Verfügung. Eine wertvolle Ergänzung stellte auch das im Jahre 1907 gegründete Heim des J ü d ischen Frauenbundes in Isenburg bei Frankfurt am Main dar. IL Ein Überblick über die geschichtliche Entwicklung der Fürsorgeerziehung wäre lückenhaft und bliebe am äußerlichen haften, wollte er sich nur auf die Schilderung der Entstehung dieser Arbeit beschränken. Die Errichtung und Einrichtung der Anstalten gibt nur den notwendigen äußeren Rahmen. Die lebendige Ausgestaltung erfahren die Bemühungen erst durch die Menschen, die, innerhalb dieser Anstalten stehend, dort die pädagogische Atmosphäre schaffen und erzieherische Einwirkung leisten. Pädagogik ist nichts Absolutes, zeitlich Ungebundenes; Erziehungsziele und Erziehungsmaßnahmen sind immer abhängig von Faktoren verschiedenster Art, von wissenschaftlichen, insbesondere psychologischen Erkenntnissen, von weltanschaulichen Gesichtspunkten, von zeitlichen, wirtschaftlichen, politischen und ähnlichen Bedingtheiten u. v. a. mehr. Jede Zeit hat hier andre Wertungen. Wenn der Zeitraum, der hier geschichtlich betrachtet wird, auch nur 3—4 Jahrzehnte umfaßt, so bedeuten diese für die Umänderung vieler festgefügter Ideale mehr als in ruhigeren Zeiten vielleicht ein Jahrhundert. Es würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, die Ursachen dieser „Umwertung aller Werte44 aufzuzeigen, hier muß es genügen, das Tatsächliche darzustellen.