Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1932)
- Article
- Wanderungen und Schicksale sephardischer Juden in Deutschland
- Date
- 1932-11-01
- Page
- Seite 474 (sequence 11)
- Language
- German
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474 ME N ORAH eigenen Fabriken und Manufakturen, mit ihren Familien in den hessischen Landen anzusiedeln, wobei sie auch stets die Forderung stellen, sich eine eigene Synagoge auf ihre eigenen Kosten erbauen zu dürfen. Die portugiesischen Juden weisen überall die gleichen typischen Charaktermerkmale auf und ihr Verhältnis zu den Aschkenasim (hochdeutschen) Juden erstrebt stets eine Absonderung von diesen. Soweit bis jetzt die historischen Zusammenhänge der deutschen Juden geklärt sind, scheint die erste Niederlassung portugiesischer Juden in Hamburg erfolgt zu sein. Durch die Folgen der Inquisition wurden sie über alle Weltteile zerstreut. In der ersten Zeit gaben sie sich auch in Hamburg als Katholiken aus; das mußte ihnen natürlich in der damaligen Zeit des fanatischen Hasses zwischen Protestanten und Katholiken viele Gegner bringen. In ihrer stillen Stube aber übten sie den jüdischen Glauben aus und erst allmählich bekannten sie sich auch öffentlich zu ihrem väterlichen Glauben. Die hamburgische Bevölkerung schaute daher immer scheelen Auges, mit mißtrauischem Blick auf diese Juden herab, von denen sie immer nur Schlechtes gehört hatten. Doch der Staat selbst hatte den großen Wert und die Bedeutung dieser geschätzten Einwanderer erkannt. Der Senat sah alsbald, wie sich der Außenhandel Hamburgs, der sich bisher fast ausschließlich nach Holland, England und Skandinavien gerichtet halte, nunmehr unter dem Einfluß der portugiesischen Juden auch auf die Pyrenäenhalbinsel, den Sitz ihrer ehemaligen Heimat, erstreckte. Die Juden pflegten den Handel mit ihren Geschäftsfreunden in der Heimat, wie auch mit den fast in allen Weltteilen gegründeten Kolonien der Portugiesen und Spanier. Nicht nur den Handel belebten sie mächtig, sondern erwarben sich durch ihre guten Geschäftsbeziehungen mit den exotischen Ländern mancherlei Privilegien in verschiedenen Handelszweigen. Ihre Kleidung unterschied sich stark von derjenigen ihrer hochdeutschen Glaubensgenossen. Sie traten überall mit einem gewissen Stolz auf und scheuten sieh nicht, diesen auch äußerlich durch ihre große Prachtliebe zur Schau zu tragen. Ihr Selbstbewußtsein, das an sich schon sehr stark ausgebildet war, fand in ihrem Reichtum noch weitere Nahrung und erreichte so einen Grad, der über das verzeihliche Maß hinausging. In dem freigewordenen Holland fanden 1603 die portugiesischen Juden ein Asyl; hier lebten sie sowohl als die deutschen Juden frei, wiewohl vom Bürgerrecht ausgeschlossen, das sie erst 1796 erhielten.