Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1932)
- Article
- Wanderungen und Schicksale sephardischer Juden in Deutschland
- Date
- 1932-11-01
- Page
- Seite 471 (sequence 8)
- Language
- German
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WANDERUNGEN SEPHARDISCHER JUDEN 471 Jüd. Lit. Ges. Frankfurt a. M. Löwenstein: Der Rabbiner in Hanau nebst Beiträgen zur Geschichte der dortigen Juden.) Von besonderem Interesse dürfte folgender Vorgang sein, den ich den Akten Des. 93/23, Nr. 3 des Staatsarchivs Hannover, entnehme. Es war im Jahre 1706. Da wandten sich sechs reiche in Venedig Avohnende portugiesische Judenfamilien durch Vermittlung ihres jüdischen Abgesandten Samuel Franco Venedig persönlich an den Fürsten von Ostfriesland mit der Bitte um Erlaubnis zur Niederlassung in den hannoverschen Landen. Besonders interessant sind diese Verhandlungen wegen der vielen Privilegien, die man diesen Juden gewährte. Es handelt sich um portugiesische Juden, die infolge der Inquisition nach Italien geflüchtet waren. Aber auch hier kamen sie nur vom Regen in die Traufe. Denn auch in Italien, besonders aber in Venedig, hatten die Juden dieser Zeit seit langem unter der Last zahlreicher Beschränkungen zu leiden. Bei aller Selbständigkeit in ihren verschiedenen Berufen, durften sie jedoch um diese Zeit in Italien Grundbesitz nicht erwerben und außerhalb der Judenquartiere nicht wohnen. Die eigentliche Ursache der Auswanderung scheinen die Folgen des spanischen Erbfolgekrieges gewesen zu sein. Die politischen und wirtschaftlichen Krisen, die dieser Feldzug auch für Italien heraufbeschwor, schränkten die Rechte der Juden Italiens ziemlich einseitig ein. Hohe Steuerlasten drückten die Bevölkerung, besonders die reichen portugiesischen Juden, die ihre Haupteinahmen aus Handel, Schiffahrt und Verkehr zogen. Die hohen Kriegssteuern und die durch den Krieg selbst hervorgerufene Handelskrise hatten eine Lahmlegung der bedeutenderen Handelsgeschäfte zur Folge, und der Handelsverkehr war mehr und mehr eingeschränkt. Sieht man sich die Niederlassungsbedingungen sowie den Inhalt der den Juden erteilten Privilegien etwas genauer an, so ist auffallend, daß man diesen reichen portugiesischen Judenfamilien zu einer Zeit, als noch niemand an die Emanzipation der Juden dachte, bedeutende Sonderrechte einräumte, die sie zu ganzen Vollbürgern abstempelte. Die Juden stellten folgende grundsätzliche Forderung an die Behörde: 1. Erlaubnis zum Bau einer Synagoge an dem Orte ihres ständigen Aufenthalts im Lande. 2. Erlaubnis, Fläuser nach Belieben im Lande zu kaufen und zu bauen, Landgüter sowie alle Arten Immobilien zu erwerben. 3. Erlaubnis, Handel jeder Art zu betreiben, wobei sie natürlich die gleichen Zölle und Abgaben wie die Andersgläubigen zu entrichten bereit sind.