Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1932)
- Article
- Aus der Kunstwelt
- Date
- 1932-11-01
- Page
- Seite 462 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2912821-2912916-2912923-2928832--11828-2928934- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
462 MENORAH anderen Panoramen den Charakter jeder Stadt neu, wie zum erstenmal und eigentümlich definiert, nicht nach ihren prominenten Bauwerken oder Veduten, sondern nach ihren Räumen, ihrer Bodenform und ihren Himmeln, dem Künstler scheint für Jerusalem das andrängende Gewühl des Lebens, des Geländes und des Bauwerkes am wichtigsten. Deshalb zieht er auch den Himmel so niedrig. Und unter diesem tiefhängenden dunkelblauen Himmel sammeln sich die Erscheinungen zu einer prachtvollen Farbentafel, deren energische Bewegung dem Wesen der Stadt und ihrer Landschaft eine fesselnde, jedenfalls die malerischeste Deutung gibt. Aus dem Schlußteil des Buches „Polnische Holzsynagogen" .. . Damit kommt in diesen Synagogen, die doch aus sehr verschiedenen Händen, aus verschiedenen Zeiten und Gegenden stammen, zuletzt alles in einer einmütigen, kraftvoll-großen Form zusammen. Denn diese Form hat kraftvolle Größe. Man muß, um das zu erkennen, zum Schlüsse nur die beweglichen Details, welche die Hauptbildungen begleiten — die gelegentlich auftretenden Glieder des Bauwerkes, die Nebenräume, das zierhafte Füllsel — beiseite lassen und sein Augenmerk auf die wesentlichen Bestandteile der Form: auf den plastischen Baukörper, den Saalraum und das Ornament, richten. Man muß nur sozusagen Distanz nehmen, wie ja wirklich, um bloß ein Beispiel anzuführen, die plastisch-malerische Dekoration der Ostwand erst im gehörigen Abstand zusammenrauscht. Tut man das, dann kann, wo immer man seinen Standpunkt nimmt, der Eindruck einer feierlich durchgreifenden Größe nicht ausbleiben. Und diese Form ist — als Ganzes — jüdisch. Wie das? Man könnte fürs erste darauf hinweisen, daß die zentralisierte Anlage, wie sie von uns beschrieben wurde, sehr rein und streng der jüdischen Vorschrift, sehr folgerecht dem altjüdischen Gebrauch des Bethauses entspricht. Aber Anlagen von solcher Haltung gab und gibt es auch anderwärts, ohne daß dort etwas anderes zustande käme als eine Lehnform. Die Haltung allein tut es nicht. Mehr bedeutet, daß hier die Anlage schon in ihrem Ursprung lebendig ist, also die Bauform wahrhaftig eine Lebensform. Denn bis in die kleinsten, scheinbar beiläufigen und improvisierten Zutaten, also etwa bis zu den Schlitzen in den Bretterwänden der Frauenabteile, ist hier alles aus der Bewegung des Lebens unmittelbar gewonnen. Lebendig der Gang um das Bima, den am Festtag der Thorafreude der drängende, tanzende