Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1932)
- Article
- Aus der Kunstwelt
- Date
- 1932-11-01
- Page
- Seite 454 (sequence 4)
- Language
- German
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454 MENORAH müssen. Ganz besonders heute. Denn was täte uns heute auf allen Feldern des Lebens dermaßen not als die Verwirklichung der moralischen Einheit von Wesen und Wirken! Unter den Zeichnungen des Künstlers findet sich eine, benannt „Kurve". Sie zeigt zwischen einem Vorgarten mit Zaun und Haus auf der einen und einer langen Parkmauer auf der anderen Seite die Windung eines Weges. Ein sehr bescheidenes Motiv. Aber für den Künstler sehr wesentlich. Denn was er sucht, ist ja auch sonst nicht der interessante Stoff, sondern die einfache Form. Die Kurve des Weges erscheint ihm als eine solche. Doch sie kommt erst zu ihrer vollen Wirkung, indem ihrem reinen Schwung das unruhige, windschiefe Gestänge der Telegraphenmasten, Latten und Baumstämme und die ungleichen Anlagen an beiden Seiten entgegenstehen. Jetzt erst hat das Stück Formenwelt, das den Künstler anzog, jene Eindringlichkeit erreicht, nach der seine klare Vorstellungsweise verlangt, in die seine enthaltsame Empfindung einzugehen bereit ist. Bereit. Denn natürlich zeigen die Handzeichnungen noch nicht das letzte, sie wollen gar nicht für sich selber gelten, sondern arbeiten nur den Bildern vor. Trotzdem sind diese Zeichnungen keineswegs Abschriften der Natur, mit der sie sich befassen. Namentlich die mit Kreide und der Rohrfeder geführten erscheinen nicht nur breit und entschieden, sondern auch schon beherrscht von jenem Formsinn, der das Ver worrene ordnet, das Vielfältige vereinfacht und das Bewegte auf Spannung oder auf Ruhe bringt. Der also im neuklassischen Geiste verfährt. Und tatsächlich fällt es nicht schwer, bei Kraus Anklänge an die Neuklassizisten, besonders an den jüngeren Rousseau und an Merkl zu finden. Aber das lag nicht in seiner Absicht, sondern an seiner Anschauung. Wo immer er — unversehens — auf den Weg eines Gefährten gerät, lenkt er sogleich wieder ab. Das Modische ist ihm fremd. Und er will nur sagen, was er selbst zu sagen hat. Schon in den Zeichnungen herrschen die Landschaften vor. Das Motiv der mit Schere und Nadel beschäftigten Frau kehrt wohl wieder, in einem Ausnahmsfall, dem Blatt in der Albertina, weich, fast schwunghaft umfaßt. Aber in der Hauptsache sind es schon hier Ausschnitte vom Rande der Stadt, meist einzelne Häuser von geschlossener Gestalt mit einigen Bäumen, etwas Gebüsch oder einem Gitter. Die Bilder wählen größere Häusergruppen an einer Straße, einem Graben, einer Brücke, meist nahe begrenzt, aber auch mit durchreichenden, unbestimmten Ausblicken, über die der Dampf der Ferne und der bewölkte Himmel Macht gewinnt. Neben den sizilischen sind es vor