Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1932)
- Article
- Aus der Kunstwelt
- Date
- 1932-11-01
- Page
- Seite 453 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2912821-2912916-2912923-2928832--11819-2928925- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
AUS DER KUNSTWELT 453 steht — verbunden mit dem dünn umzogenen, blaß gefärbten Bild des vom Walfisch erschreckten Propheten — das Anfangs wort in großen, vorgezeichneten Buchstaben. Aber was dann folgt, ist geschrieben. Mit breiter Rohrfeder, mit der schwarzen Gallustinte der Thoraschreiber, auf weißem Karton. Das Schreiben bildet jeden Buchstaben, das Schreiben formt den Zug der Zeile, das Schreiben bringt die rhythmisch belebte und geschlossene Fläche zustande. Die kleine Tafel wirkt wie ein Ornament, aber dieses Ornament ist geschrieben. Die durch die Art der Unterlage, des Werkzeugs und der Schriftform festgelegte Gesetzmäßigkeit dieses Schreibens ist leicht einzusehen. Man braucht nur eine von den drei Bedingungen versuchsweise zu ändern. Also etwa die Schriftform breit, ohne Haarstrich sich zu denken. Dann muß auch die Feder anders gewählt und gehalten werden. Und was dann ihrer richtigen Führung organisch entwächst, wird nicht mehr wie eine Streufüllung des Blattes anzusehen, sondern monumental geschlossen sein. Unter so geschulten und reinen Händen wie jener des jungen Forst kann die alte Schrift wieder ihre ganze magische Kraft entfalten. Man erinnert sich ihres Reichtums. Welche Spanne zwischen den mit Zinken und Krönchen geschmückten Buchstaben auf den heiligen Pergamenten, von denen die Idylle des Dichters Agnon berichtet, bis zu den mächtig eingreifenden Inschriften an den bemalten Wänden und Decken der Holzsynagogen in Polen! Freilich, die Magie der Zeichen allein tut es nicht, sie müßten auch den gleichen Geist in sich tragen. Dann wird man vielleicht auch in Jerusalem auf den Gedanken kommen, die großen Männer und Ereignisse nicht durch Standbilder von fragwürdigem Wert, sondern durch rein geschriebene hebräische Schrifttafeln zu ehren. V o»r einiger Zeit ist in Graz der Maler Emil Kraus, in jungen Jahren, gestorben. Er gehörte nicht zu den Leuten, die durch allerhand geschickte Unternehmungen die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zu lenken wissen. Er war ein stiller, abseits gehender Mann. Und schlicht und ernst war seine Arbeit. Deshalb sind auch beide nicht bemerkt worden. Und schon deshalb wird jetzt von beiden hier berichtet. Denn der Fall, daß eine Kunst in ihrem Charakter sich so rein mit dem Menschen, der sie hervorbringt, deckt, ist leider selten genug. Man wird, wenn er sich einmal zeigt, mit allem Nachdruck auf ihn hinweisen Der Totaler Emil Kraus