Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1932)
- Article
- Aus der Kunstwelt
- Date
- 1932-11-01
- Page
- Seite 452 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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452 MENORAH hätte. So wäre bei ihr wenigstens eine Grundlage für die Achtung auch vor dem Inhalt dieser Bücher erreicht worden. Besser, aber beileibe noch nicht gut steht es dann mit der Schrift der Stickereien und der Steine. Bes-ser — denn hier ist viel sorgfältige Mü\he am Werke. Aber nicht gut — denn schon die Schriftzeichen sind nicht aus ihrer reinen Uberlieferung und nicht aus den Gesetzmäßigkeiten der Arbeit, des Stickens und des Behauens, hergeleitet, sondern der freien Willkür des Einzelnen anheimgestellt. Wer ihr wirres Treiben sehen will, dem ist auf unseren Friedhöfen leider genug Gelegenheit für einen solchen niederdrückenden Anschauungsunterricht gegeben. Von diesem Zustand veranlaßt, habe ich vor einigen Jahren mit Bemühungen begonnen, auf den drei genannten Gebieten der Schreibertätigkeit Wandel zu schaffen. Der erste Schritt, der ein textiles Vorbild zum Ziele hatte, war ein ganzer Mißerfolg. Zwar hatte ich einen vortrefflichen Architekten dazu vermocht, zwei farbige Entwürfe für Vorhänge bei der heiligen Lade zu zeichnen und hatte auch schon die damalige Leiterin der Textilwerkstätte an der Wiener Kunstgewerbeschule für eine Probearbeit gewonnen. Aber der selbstlosen Bereitschaft unserer besten Künstler, die sich auch bei den späteren Versuchen immer wieder bewährt hat, entsprach nicht sofort auch die Willigkeit der Laien, die den Auftrag zur Ausführung geben sollten. Glatter ging es bei den Grabstellen. Seit einiger Zeit sieht man beim Austritt aus der Halle des neuen Friedhofes eine Reihe von Ehrengräbern, die vor allem als Schriftsteine angesehen sein wollen, gerecht in ihren Zeichen, gerecht in der Bearbeitung des Steines. Ein Fortschritt liegt auch darin, daß der erste dieser Steine — gemeint ist das Grab von Chajes — wohl von der besten Wiener Schreiberhand, doch von einer Nichtjüdin, der zwTeite aber schon von einem Juden ausgeführt ist. Das gute Gelingen gab mir Mut, die Erziehung von jüdischen Händen durch Meister Larisch planmäßig zu betreiben. Der erste klare Erfolg liegt jetzt in den Schriften des jungen Siegmund Forst vor, von dem wir ein Blatt mit dem Beginn des Buches Jonah zeigen. Selbstredend kann der Anfang nicht von den angewandten Formen der Schrift, aLso nicht von dem Buchdruck, der Schriftstickerei und dem Schriftstein, er muß vom unmittelbaren Schreiben herkommen. In dem Beispiel, das wir zeigen, ist eine Schriftart aus dem achten Jahrhundert zum Vorbild genommen. Aber dieses Vorbild ist dann nicht nachgeahmt oder gar nachgezeichnet, sondern in seinem reinen Schriftcharakter erkannt, erlebt und neu geschrieben. Oben