Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1932)
- Article
- Jugend in Aufruhr
- Date
- 1932-11-01
- Page
- Seite 449 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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JUGEND IN AUFRUHR 449 nalen Organisation unter der Führerschaft von Dr. Leon Pinsker, dessen berühmte Broschüre „Autoemanzipation" im Jahre 1882 in deutscher Sprache erschienen war und tiefen Eindruck auf die gebildeten Schichten der Juden gemacht hatte. Wir Minsker Schüler hatten beschlossen, die Kattowitzer Konferenz in großem Ausmaße zu feiern. Wir hatten von der Firma Gebr. Frumkin die Erlaubnis erwirkt, ihre Brauerei, die auf dem Dreieinigkeitshügel stand, zu diesem Zwecke zu benutzen. Wir Juden hatten den Hügel umgetauft, wir nannten ihn „Turetzky"-(Türken-) Hügel, um den Hinweis auf die Dreieinigkeit und die Kirche, die den Hügel krönte, zu vermeiden. Die Vorbereitungen nahmen einige Wochen in Anspruch. Die Brauerei, die über tausend Personen faßte, war dicht besetzt. Zu Rednern waren die beiden fähigsten Vertreter der Jugend, Saul Ginsberg und ich, gewählt worden. Ich weiß nicht mehr, ob sich der Zwischenfall, den ich erzählen will, vor meiner Rede oder danach oder mittendarin ereignete. Ich entsinne mich aber wohl, daß die Veranstaltung ihren Höhepunkt erreicht hatte, daß die Gesichter der Zuhörer vor Begeisterung glühten und die Stimmung gespannt war. Da plötzlich wurden ohne irgendeine Erklärung die Lampen ausgelöscht, und in der Halle erhob sich ein Tumult. Die Polizei war erschienen. Für Ginsberg und mich war die Gefahr am größten, denn wir trugen unsere leichterkennbare Schüleruniform, und die sichere Strafe für unsere Teilnahme an einer öffentlichen Versammlung wäre Relegation aus der Schule gewesen. In der Dunkelheit fühlten wir uns von starken Händen gepackt und durch eine Tür geschoben, die in den Hopfenkeller der Brauerei ging. Von der Tür, die rasch hinter uns geschlossen wurde, führte keine Treppe nach unten. Dort hing nur eine Sprossenleiter, die aber plötzlich in der Luft zu Ende war. Wir hingen nun an der untersten Sprosse der Leiter wohl eine Stunde lang, und unsere Kraft begann zu erlahmen. Da endlich, nachdem sie die Polizei auf irgendeine Weise losgeworden waren, erinnerten sich unsere Kameraden unser. Sie öffneten die Tür und brachten Licht. Da gewahrten wir, daß wir mit unseren Füßen ein paar Zoll vom Boden entfernt gewesen waren! Immer deutlicher kam es mir zum Bewußtsein, daß ich mein Leben der hebräischen und nicht der russischen Welt zu weihen hatte. Wie vertraut ich auch mit der russischen Literatur werden mochte, ich konnte zu ihr nur wie ein befreundeter Gast, wie ein Besucher von außen stehen. Ich spreche hier von dem russischen Geiste. Rußland als