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Menorah · 1932-11-01 · Heft 11-12 (November 1932) · p. Seite 450

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
10 (1932)
Issue
Heft 11-12 (November 1932)
Article
Jugend in Aufruhr
Date
1932-11-01
Page
Seite 450 (sequence 8)
Language
German
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450 MENORAH konkrete Wirklichkeit kam vorläufig nicht einmal als Aufenthaltsort für mich in Betracht. Und so hegann der ursprüngliche Plan, den ich selbst entworfen hatte, einem anderen zu weichen. Ich hatte geplant, nach Beendigung der Realschule in eine technische Hochschule einzutreten und Ingenieur zu werden, wie das so viele meiner Mitschüler zu tun beabsichtigten. Nun aber lag ein anderer Weg klar vor mir. Ich begann nach einem Beruf zu suchen, der mich mit dem jüdischen Leben und der jüdischen Kultur verbinden sollte. Zu diesem Zwrecke war es nötig, daß ich meine jüdischen Studien fortsetzte. In Rußland gab es nun, abgesehen von den altmodischen Jeschiwot, keine Anstalten für höhere jüdische Ausbildung. Ich begann daher an Deutschland zu denken, das drei solcher Institute besaß: zwei Rabbinerseminare und die „Hochschule für Wissenschaft des Judentums". Im Jahre 1886 absolvierte ich die Minsker Realschule. Mein Abgangszeugnis war — wieder bis auf Russisch und Deutsch — ausgezeichnet. In diesen beiden Fächern gelang es mir nur noch gerade durchzuschlüpfen. Trotzdem war mein Zeugnis eines der besten. Als stolzer und glücklicher Sohn kehrte ich in mein Elternhaus zurück und verlebte dort die letzten Sommermonate — eine der glücklichsten Episoden meines Lebens. Meine Eltern und Geschwister waren auf mich stolzer denn je. Meine Zeit gehörte mir allein; keine Prüfungen standen mit der Hetzpeitsche über mir. Ich konnte nach Belieben lesen, nach Belieben schreiben. Ich konnte wieder durch die Wälder und Felder meiner Kindheit streifen. Ich durfte Stunden in Gesellschaft meines alten Lehrers Juda Ortzer und des Stadtrabbiners verbringen. In diesen wenigen Monaten fand ich zum letzten Male den Geist meiner verlorenen Kindheit wieder. Ich spürte — wie nie seither — den ersten Weckruf des Lebens, das erste BewTußtwerden des Glaubens. Ich vergegenwärtigte mir lebhaft die Zeiten, wo ich ernst, naiv, mit kindlicher Uneingeschränktheit geglaubt hatte, daß Gott die Welt für sein Volk Israel erschallen hätte; daß die anderen Völker nur großmütige Zugaben zur Schöpfung wären; daß wir jetzt eine Periode der Trübsal und der Leiden durchmachen müßten, nur damit wir geläutert würden und die höchsten Stufen der Güte und Frömmigkeit erreichen könnten.

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