Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1932)
- Article
- Jugend in Aufruhr
- Date
- 1932-11-01
- Page
- Seite 447 (sequence 5)
- Language
- German
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JUGEND IN AUFRUHR 447 irdische Miniaturwelt: Familien wurden gegründet, Hochzeiten gefeiert, soziale Diirereiizierungen geschaffen — alles bei ununterbrochenem Zwielicht. Diese Straße war nicht die einzige in ihrer Art. Ihr Name war Legion. In Minsk gab es, wie in jeder anderen großen jüdischen Stadt, unzählige Höhlen, von Tausenden solcher jüdischen Krämer bewohnt, die, für immer zwischen die engen Mauern der Armut eingekerkert, den Maulwürfen gleich, dahinvegetierten. Die große Mehrheit dieser Krämer lebte buchstäblich von der Hand in den Mund; der Gewinn jedes Tages bestimmte den Charakter der „Mahlzeit" der Familie. Eine Ökonomie, die den nächsten Tag in Betracht zog, lag aul3erhalb ihrer Gesichtsweite. Das Bild dieser Läden mit ihren Gefangenen hat sich mir unauslöschlich ins Gedächtnis eingeprägt. Sehr oft bestand der Inhalt des ,, Ladens" aus einer halben Tonne Heringe, ein paar schmächtigen Broten, einem Dutzend kleiner Käse, einer Handvoll rostiger Schlösser, einer Schachtel Nägel und einer Stange Seife, von dem der Krämer Stückchen zu einer und sogar zu einer halben Kopeke abschnitt. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie in Minsk und in Swislowitz ein Käufer in einen solchen Laden trat und einen Hering für eine Kopeke (zwei Pfennige) und dazu für eine halbe Kopeke Heringslake kaufte. Den Hering wickelte er in ein Stück Zeitungspapier ein, und zur Lake brachte er einen Becher mit. Die Lake sollte zum Abendbrot der Familie den Hauptgang bilden: die Mutter würde große Mengen Wasser hinzufügen und kleine Stücke Brot einbrocken. Unter den ärmsten Juden Litauens war das ein beliebtes Gericht. So war das Leben des jüdischen Arbeiters, des ärmeren jüdischen Händlers und des erfolglosen „Luftmenschen". Allein auch diese Klassen bildeten ein Objekt wütendster Verfolgungen der Regierung. Die höchsten Beamten in Petersburg berieten oft darüber, wie man den jüdischen Ausbeutern zu Leibe gehen könnte. Denn es war ein Axiom, daß alle Juden, von den höchsten bis zu den niedrigsten, Ausbeuter wären. Und war es nicht wirklich geradezu als Symbol und Höchstmaß der Ausbeutung zu bezeichnen, daß man einen Hering ausnutzte, bis auch kein Schnitzel davon übrig blieb und sogar noch aus dem Heringspökel eine Mahlzeit machte? Ich suchte fast alle Krämer in jener Gasse auf. Und einer von ihnen erteilte mir einmal eine Antwort, die ich bis heute nicht vergessen habe. Dieser Mann — ich weiß noch, daß er Lipmanow hieß — nahm unter den Krämern eine höhere Stellung ein. Er besaß einen gutassortierten Laden, ich bin jedoch überzeugt, daß sein Inventar leicht mit dreihundert Rubeln (sechshundert Mark) aufzukaufen