Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1932)
- Article
- Jugend in Aufruhr
- Date
- 1932-11-01
- Page
- Seite 446 (sequence 4)
- Language
- German
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446 MENORAH den Intentionen der Regierung in irgendetwas konform zu gehen, war selbstverständlich eine große Schande. Was sollten wir aber tun? Wir konnten doch nicht unsere Ideale aufgeben, bloß weil die russische Regierung indirekt daraus Kapital schlagen konnte! Tatsächlich gehörte ein besonderer moralischer Mut dazu, für eine Bewegung zu wirken, die geringere Gefahr mit sich brachte, während viele unserer Kameraden einem Ideal huldigten, das mit schwereren Folgen verbunden war. Allerdings muß zugestanden werden, daß viele aus der jüdischen Jugend die nationale Bewegung eben deshalb wählten, weil sie weniger gefahrvoll war. 'Diese Betrachtungen trieben uns an, unsere Bewegung einer gesteigerten Gefahr auszusetzen. Statt unsere Versammlungen auf die Synagoge zu beschränken, wo wir zu jener Zeit vor polizeilicher Einmischung ziemlich sicher waren, sahen wir uns nach exponierten Plätzen um. Wir begannen Tanzlokale zu mieten, wir verschallten uns größere Privatwohnungen, und wenn es sich machen ließ, hielten wir Arbeiterversammlungen in Betrieben ab. Mit öffentlichen Versammlungen wollten wir uns aber nicht zufrieden geben. Wir legten uns auch auf die direkte persönliche Propaganda von Mund zu Mund. Diese Aufgabe fiel einer kleinen Schülergruppe mit Saul Ginsberg an der Spitze zu. Aus zweierlei Gründen konzentrierten wir unsere Tätigkeit auf den Krämer des Mittelstandes. Erstens hatte ein solcher Krämer immer massenhaft Zeit zu zuhören, denn seine Kunden kamen nicht zu häufig. Es konnte passieren, daß zwischen einem Kunden und dem nächsten ein bis zwei Stunden lagen. Zweitens fühlten wir uns vor der Schulpolizei sicherer. Wenn einer jener Schulaufseher vorüberging und nachsehen kam, was wir taten, so blieb uns eine prachtvolle Ausrede. Wir kauften eben etwas. Mir wurde eine Straße zugewiesen, die von lauter ärmlichen Kramläden besetzt war. Die Straße führte keinen Namen, da sie eigentlich gar keine Straße war: es war ein schmaler Hohlweg zwischen zwei Häuserreihen, so schmal, daß kaum zwei Menschen nebeneinander gehen konnten. Volles Sonnenlicht fiel in diese Gasse niemals; nur an Sommerabenden warf die untergehende Sonne wie in schuldbewußtem Mitleid einen erlöschenden Strahl dorthin. In diesem gepferchten und dunklen Gefängnis verbrachten die jüdischen Krämer ihr ganzes Leben, Geschlechter nach Geschlechtern erbten die Trübe des Tages und dies Dunkel der Nacht. Diese Läden waren von frühester Morgenstunde an bis spät in die Nacht hinein geöffnet. Es war eine halbunter-