Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1932)
- Article
- Jugend in Aufruhr
- Date
- 1932-11-01
- Page
- Seite 445 (sequence 3)
- Language
- German
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JUGEND IN AUFRUHR 445 Bericht mit der Randbemerkung zurück: „Wir dürfen nie vergessen, daß die Juden unseren Heiland gekreuzigt und sein teures Blut vergossen haben.'* Als Schützer des Glaubens befahl er, eine alte Schuld mit Zins und Zinseszins einzutreiben. Für die Juden Rußlands setzte wieder eine echt mittelalterliche Ära ein — eine neue durch moderne Erfindungen verbesserte Auflage. Jeder Tag brachte neue Dekrete und neue Beschränkungen. Der juristische Wortlaut der Dekrete wurde in Petersburg ausgearbeitet; ihre Umsetzung in die Tat aber wurde gewöhnlich dem Ermessen der Provinzgouverneure und ihrer Subalternbeamten überlassen. Sie richteten sich nach dem Winde, der von Petersburg wehte, und waren eifrig darauf bedacht, die Strenge eher zu weit zu treiben und den Dekreten einen Sinn unterzulegen, wie er im verräterischen Druck nicht immer zum Ausdruck kommen konnte. Nebenbei fand die russische Beamtenschaft eine neue und unerschöpfliche Einnahmequelle. Jede mildere Auslegung einer Verfügung wurde mit schwerem Gelde erkauft. Es war ein öffentliches Geheimnis, daß die Bestechungssummen, die die Beamten von den Juden erhielten, ihre Gehälter überstiegen. Jede nationale Bewegung, selbst der leiseste Ausdruck einer nationalen Sehnsucht, wurde von der Regierung mit eiserner Faust niedergehalten. Wie durchgreifend die Unterdrückung war, erhellt daraus, daß sogar die Ukrainer, die Blutsverwandten der Großrussen, als verdächtig behandelt wurden. Die ukrainischen intellektuellen Schichten wurden von der Polizei streng überwacht, und selbst die Lieder des ukrainischen Dichters Schewtschenko galten als revolutior närer Zündstoff'. In bezug auf die jüdische nationale Bewegung war die Regierung in einiger Verlegenheit und konnte sich daher zu einer endgültigen Taktik nicht entschließen. Einerseits durfte in Rußland kein anderer Nationalismus als der russische geduldet werden. Andrerseits befolgte die russische Regierung eine Unterdrückungspolitik, die darauf gerichtet war, die jüdische Emigration in Fluß zu bringen, und die jüdische Emigration bedeutete eine automatische Förderung des jüdischen Nationalismus. Noch ein zweiter Grund spielte mit, der die Regierung bewog, zu Gunsten des jüdischen Nationalismus einmal eine Ausnahme zu machen: er konnte ein Sicherheitsventil für die jüdische Jugend abgeben. Vielleicht würde diese, von den Problemen ihres eigenen Volkes absorbiert, aufhören, sich für die Angelegenheiten Rußlands zu interessieren. Dieser Vorwurf wurde uns häufig von unseren sozialistischen Opponenten ins Gesicht geschleudert, und ich muß gestehen, daß das eine unserer schwächsten Positionen war; denn mit