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Menorah · 1932-09-01 · Heft 9-10 (September 1932) · p. Seite 435

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
10 (1932)
Issue
Heft 9-10 (September 1932)
Article
Luigi Luzzatti erzählt sein Leben
Date
1932-09-01
Page
Seite 435 (sequence 2)
Language
German
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LUIGI LUZZATTI ERZÄHLT SEIN LEBEN 435 Liebeserlcbnis nicht verschmerz!, und das einsame, monotone Leben, das ich Iii Ii i' l cn trug nicht dazu bei, mich aufzuheitern. Dazu brachte es micli zur Raserei, die Dinge um mich in einem derartigen Zustand zu sehen: eine .luvend, die allen ernslen Problemen gleichgültig gegenüberstand und deren geistige Bedürfnisse durch eine oberflächliche Zeitungslektüre vollauf befriedigt wurden, die traurige politische Lage des Landes und eine literarische und Wissenschaft liehe Bewegung, die sich damit begnügte, Italiens grobe Traditionen zu pflegen und für die Leistungen anderer Völker überhaupt kein Verständnis hatte. Das alles stand im heftigsten Widerspruch zu meinem glühenden und ungeduldigen Streben, und die schicksalergebene Ruhe, in der meine gesamte rmgebung befangen war, wurde immer mehr zu einer Qual für mich, tiberall aber mul.Re ich sehen, wie der unglückliche Zusland der Dinge die Knlätig keit und Gleichgültigkeit meiner Mitmenschen rechtfertigen sollte. Ks war der alte fehler mein im' Nation: nichts kann sie in dem Gefühl ihrer l'nschuld erschüttern, die l'rsaehe aller (bei wird stets nur in äuberen Imstandeu gesucht, und niemand denkt daran, auch nur den Schallen einer Verantwortung auf sich zu nehmen. Nach Beendigung seiner l niversilätsstudien. die ihn von der Philosophie zur Nationalökonomie hinführen, beginnt Luigi Luzzatti in Venedig Vorlesungen zu halten und dabei jenen Gedanken zu entwickeln, der ihn schon in Padua ständig beschäftigt hat: die Gründung von Volksbankcn. wie sie in Deutschland Schulze-Delitzsch mit grobem Krfnlg in Angriff genommen hatte. Kberall, wo sich mir Gelegenheit bot. warb ich für den Gedanken der Volkshankcn und Vorschu ^vereine: in den \ orlesungen. in Zeitungsartikeln, in Gesprächen mit den Gondolieri und Arbeitern jeder Kategorie. Ich erkannte, daf> sie einem dringendsten Bedürfnis entsprachen und dal.» die Zukunft auf ihnen aufgebaut sein würde. Denn das Kapital ist gleichsam das Reservoir, durch das eine Nation die verbrauchlen Kräfte erneuert und ihren Reichtum begründet. Ohne den Zufluh der Krsparn isse aber mul.'> das Kapital eines Landes sieh vertlüchligen und zugrunde gehen. Inmicr wird die Zukunft des einzelnen unge witf bleiben, und wenn schon der Reiche in seinen Handlungen stets mit Bedacht vorgehen mtil.i. so ist der kleine Mann tausendmal mehr in Gefahr, unter die Räder zu geraten. Krspnrnisse aber können die furcht vor dieser Gefahr mildern und das Leben sorgloser und leichter machen. Die Volksbankcn und Vorschubvereine konnten aber nach meiner Meinung noch eine andere wohltätige Wirkung haben: das Proletariat auf eine höhere Kulturstufe zu heben. Die Vorteile, die diese Institutionen boten. imil.Mcn durch Rechtlichkeit und Khrlichkeil verdient werden, und der Wunsch, sich ihrer zu bedienen, begründete noch keinen rechtlichen Anspruch auf sie. Wie in der sittlichen Wellordnung gehen auch in der ökonomischen die Pflichten den Rechten vor. Ich fühlte damals, dal.) wenn meine Idee nicht vervvirklichl wurde, es keinen anderen Ausweg gab als den Kommunismus oder Systeme, die ähnliche Prinzipien halten. In der folgenden Zeit führt der Weg Luigi Luzzallis steil aufwärts. Von Venedig wird er an die l niversiläl in Mailand berufen, von dort nach Paduo. Man vertraut ihm öffentliche Arbeilen an, wie die Organisation diu' italienischen Objekte auf der Weltausstellung in Paris im Jahre 1«S(>7. und zweimal nacheinander wird er Generalsekretär des Handels minislerium.s. Als Präsident einer parlamentarischen Kommission schlief)! er im .fahre KS7Ö die wichtigsten Handelsverträge Italiens mit den europäischen Großmächten. Kr erzählt seihst, wie er als VierunddreiRig jähriger von dem grohVn Thiers in Paris empfangen wird. In aller Kürze versuchte ich ihm zu beweisen, dal.» dii' Zölle bisher Krankreich so gut wie keine Kinnalnnen gebracht, dagegen dem Handel mit den Nachbarvölkern sehr geschadet hätten. Ich erinnere mich noch ausgezeichnet, wie mich der Alle mit funkelnden Augen voll Kngedidd fragte: ...lunger Mann, welches sind eigentlich Ihre ökonomischen Anschauungen?" ..Herr Präsident", erwiderte ich. ..wie

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