Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1932)
- Article
- Das Heldenlied von der Nadel
- Date
- 1932-09-01
- Page
- Seite 429 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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DAS MELDEN LI KI) VON DER NADEL 429 Klimmt immer der Eimke des Masses einerseits zwischen den Führern und den Geführten, anderseits zwischen den arrivierten Führern und jenen, die es werden möchten. Die Gewerkschaft, ein Staat im Kleinen, ist ein Versuch zur Demokratie, ehenso wie der wirkliche Staat, innertuslh dessen sie funktioniert. Aher die Bürger dieses Staates sind es nicht gezwungenermaßen durch Nation oder eben Staatszugehörigkeil, sondern durch freiwilligen Zusammenschluß zu dem Zwecke, ihre Arbeitskraft möglichst günstig zu verkaufen. Um diesen Zweck wirksam zu realisieren, muß die Gewerkschaft eine tüchtige Geschäftsführung haben, und gleichzeitig eine gewissermaßen militärische Organisation. um die letzte Kraftprobe wirksam bestehen zu können - Streik oder Aussperrung. Sie muß auch eine umfassende soziale Tätigkeit ausüben, indem sie ihre Mitglieder durch Einrichtungen für Erholung, Versicherung, Gesundheitswesen, Erziehung und Fortbildung, an sich fesselt. Sie muß ferner auch die öffentliche Meinung durch die Presse und andere Propagandamittel bearbeiten, muß in den staatlichen und Gemeindevertretungen politisch tätig sein, und schließlich auch Steuern einrieben. Es ist ohneweiteres klar, daß die Führer einer solch vielseitigen Organisation eine ungewöhnliche Koppelung von Eigenschaften haben müssen. Sie sollen demokratische Vertreter und gleichzeitig militärische Generäle sein, geschickte Unterhändler und gleichzeitig fanatische Propagandisten, angestellte Geschäftsführer, die imstande sind, rasch Entscheidungen zu treffen, und gleichzeitig gewählte Führer, die der Zustimmung ihrer Wähler bedürfen. Erst nach langer Amtszeit erlangen sie tatsächlich die Geschicklichkeit, die zum Ausüben solch widersprechender Funktionen gehört. Trotzdem besteht die Demokratie darauf, häufige Neuwahlen zu veranstalten und sogar Entlassungen vornehmen zu dürfen. Wie in anderen demokratischen Gebilden, kommt man um dies Paradoxon herum, indem man die politische Maschinerie spielen läßt. Aber diese Maschinerie löst das eine Problem und schafft ein neues: denn die Tüchtigen und Begabten in der jüngeren Generation wehren sich entschieden gegen die Strategie, die sie von der Krippe fernhält, während die Massen sich darüber beklagen, daß ihre demokratischen .,Diener" in Wahrheit ihre Herren geworden seien. Diese latenten Konflikte treten freilich erst dann in die Erscheinung, wenn die Führerschaft Pech hat. Solange Erfolge da sind, geht es halbwegs. Ökonomische Schwierigkeiten, wie jetzt im Nadelgcwerbe, bringen erst die ganze angehäufte Verbitterung zum Ausbruch.