Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1932)
- Article
- Djerba
- Date
- 1932-09-01
- Page
- Seite 416 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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416 M E NORA II das über die Hose fällt. Ihre nackten Fülle stecken in zerrissenen Sandalen. Alle tragen verschlissene Kleider, sodaß man sich fragt, ob sie jemals neu gewesen sind. Zum Wochenmarkt sind sie aus ihrem Ilara, aus dem großen und kleinen Ghetto zu Fuß, auf dem Rücken des Esels oder auf dein Fahrrad herbeigekommen, um zu kaufen oder zu verkaufen. Was treiben sie tagsüber? Sie wissen es selber nicht. Aber der Gott Israels, der groß und mächtig ist, läßt seine Kinder nicht im Stich. Deswegen zieht der Jude von Djerba, einen Sack auf dem Kücken, etwas Geld in der Tasche, durch die Basare, nachdem er im Morgengrauen in der Synagoge gebetet und sich mit einem Gläschen Alkohol gestärkt hat. Dauernd blickt er umher. Hände und Körper sind in ständiger Bewegung. Er bleibt vor einem Getreidehaiifen stehen, bückt sich, nimmt davon, wiegt die Körner in der Hand, und läßt sie langsam als Goldregen durch seine Finger fallen. Der Beduine nennt den Preis und verfolgt mit unruhigem Blick das Gehaben des Käufers. Andere Juden treten hinzu. Nun beginnt ein außergewöhnlicher Handel zwischen drei oder vier Personen, die heulen, brüllen, sich beleidigen und zu gleicher Zeit die Thora und Gott selbst anrufen. Das Gewitter legt sich so schnell, wie es gekommen ist. Die Brüder in Israel verlassen das Getreide und den Beduinen, stürzen sich auf eine FYau, die mit einem Korb Eier oder ein paar Hühnern, einem Schmuckstück oder einem Teppich vorüberzieht. Das Geschrei beginnt von neuem, bis einer von ihnen zwei Sous mehr als seine Konkurrenten bietet, und die verdutzte, nach allen Seiten gezerrte Händlerin sich für ihn entscheidet. Es ist Mittag. Die Sonne steht im dämmenden Zenith und strahlt unbarmherzig auf die weiße Stadt herab. Die lieberhafte Emsigkeit des Marktes läßt nach. Schon leert sich langsam der riesige Platz, auf dem man die Geschäfte unter großem Lärm abschloß. Blinde Wasserhändler bieten der dürstenden Menge noch immer Getränke für einen Sou an. Gierig stillen Araber und Beduinen den Durst, ihre Lippen kleben am Flaschenhals, ihr Kopf ist weit nach hinten geworfen. Aber der Jude mit seinem Gefühl für Sauberkeit hebt den Zipfel seines Hemdes, das ihm wie ein langer Latz über die Hose fällt, und spannt ihn über die Öffnung des Wasserbehälters, um so das Wasser zu filtrieren. Ach dieses furchtbare Hemd des Juden von Djerba, das ihn von dem so häßlichen und schmutzigen Araber unterscheidet, muß für alles herhalten: mit ihm wird der Schweiß von der Stirn gewischt, der kleine Platz des Trottoirs. auf das man sich setzt, entstaubt, mit ihm trägt man