Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1932)
- Article
- Jüdische Illusionen
- Date
- 1932-09-01
- Page
- Seite 409 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE ILLUSIONEN 409 schließlich nur einmal ums eigene Dorf herumgegangen, hat aber alles erlebt, was ein Menschenherz nur erleben kann, und hat es heroisch erlebt. So wandelt Israel als ein jüdischer Don Quichote durch die Well der Erfahrungen und der Bilder, sein Gesetz und seine Lehre haben treu verhindert, daß es ein nur romnntisch.es Volk geworden ist. All seinen Verzichten und aller Größe seiner Verzichte entsprachen die Einsätze seiner Phantasie und der Ersatz, der ihm allenthalben aus seiner Einbildungskraft quoll, eine unbegrenzte Liebe zum Leben, eine ewige lioH'nung auf eine messianische Zeit füllten die Leere, die daher kam, daß eben nie ein Gefühl des Satlseins aufkommen konnte. Vor allem aber war es das jüdische Leben selbst, das ihn in eine eigene und bessere Welt einzuzaubern verstand. Wenn die Familie nicht gewesen wäre, und das waren nicht bloß Vater, Mutter, Bruder, Schwester, sondern die frommen Bräuche, das zärtliche Erinnern, der Sabbath, der Sederabend, das Ghamikahlicht, das Jahrzeil llämmchcn, Pietät, Liebe. Gehorsam und alles, wir hätten nicht die Zivilisationen überdauert, und die Jahrtausende überwunden. Und wenn nicht die Gemeinschaft gewesen wäre und die Arbeit an dieser Gemeinschaft, die sich als Gemeinde, jüdisches Städtel und jüdisches Land darstellte und alle Kinder des Stammes und Glaubens brüderlich zusammenhielt und zu einer eigenen Welt zusammenschweißte, wir wären nicht geblieben, sondern vergangen wie die anderen. Und wenn schließlich nicht der Satz gegolten hätte, daß ganz Israel Brüder und einer Bürge für den anderen zu sein hätte, wenn also jene große Solidarität nicht gewesen wäre, die viel mehr als Solidarität, die ein tiefes Mitjudesein und Mitmeiischsein bedeutete, was wäre aus uns geworden? Heute leben wir von den Tischresten des Mahles unserer Väter, die Vase ist leer, aber der Duft ist noch da. verklungene Töne hallen zu uns herüber, aber wir können sie nicht mehr festhalten. Draußen droht der Feind und drinnen zerspaltet uns der Hader. Wo sind unsere jüdischen Illusionen geblieben? JtTart und rauh ist die Zeit, die Not wird täglich größer, nach Jahrzehnten gesicherten Lebens erlebte jeder für sich den Absturz von oben nach unten und jeder muß sehen, auf seine Weise mit dem eigenen Leben fertig zu werden. Da sollten wir uns immer vor Augen halten, daß die Religion nicht etwa ein ..Opium fürs Volk" für uns ist, auch nicht eine lähmende oder einschläfernde Romantik, sondern eine lebendige Macht, die uns nicht etwa vermöge ihrer Illusionsbilder, sondern allein vermöge ihrer Weckkraft auf unser Illusionieren hin das leben-